Von Wolfgang Eichwede

Vor fast genau einem Jahr – am 19. November 1992 – eröffnete der russische Kulturminister Sidorow in St. Petersburg mit bewegenden Worten die Ausstellung von Zeichnungen aus dem Besitz der Bremer Kunsthalle, die es am Ende des Krieges nach Rußland verschlagen hatte. Ein halbes Jahrhundert waren sie im staatlichen Versteck gehalten worden, einige hundert Arbeiten großer Meister, darunter annähernd 30 von Dürer, Blätter von Rembrandt, ein Gemälde von Monet.

In Petersburg sprach der russische Kulturminister Sidorow von einer "Rückkehr in die Zivilisation", der Bremer Bürgermeister warb für Versöhnung, nannte Möglichkeiten, den Dank der Bremer Seite sichtbar zu machen. Keiner der Beteiligten zweifelte: Auf die Öffnung der Verliese werde die Rückgabe der Bilder folgen. Nur wenige Wochen später nannte Sidorow in Bremen den Mai 1993 als denkbaren Zeitpunkt der Übergabe. Im Februar 1993 fanden Detailverhandlungen statt, die in einem Absichtsprotokoll endeten. Bremen sollte mit den wiedererhaltenen Zeichnungen eine große Ausstellung organisieren (deren Einnahmen Rußland zugute kommen sollten), einige Werke russischen Museen überlassen und bei Restaurationsarbeiten in Nowgorod Hilfe leisten. Die Kunst gewann ihren Eigenwert zurück, war nicht länger Gefangene der Politik.

Ab Sommer 1993 aber veränderte sich das Klima drastisch, und Anfang Oktober galt das Wort vom Februar nichts mehr. Die russische Seite hätte, so heißt es nun, "privat ohne Mandat verhandelt" – obwohl der Minister selbst alle Punkte im Detail abgesegnet hatte. Im Augenblick des groß verkündeten Sieges der Demokratie scheinen auf dem Felde der Kultur die zivilen Formen zu entfallen. Und wieder wird die Kunst zum Spielball in den Händen derer, die sich für stark halten, in Wirklichkeit freilich nur zu schwach sind, um etwas abzugeben, was ihnen selbst keinen Wert bedeutet, dessen Einbehaltung aber andere schmerzt. Der Verdacht drängt sich auf, daß nicht der Nutzen des eigenen Landes, sondern der Schaden des Partners das Handeln bestimmt. Vor zwei Wochen sagte Sidorow in einem Interview mit einer Moskauer Zeitung, sein Ziel sei es, das Beutegut aus Deutschland "nicht zurückzugeben, sondern auszustellen". Beginnen will man mit dem Berliner "Schatz des Priamos", dessen Verbleib in Rußland man noch bis zum August ’93 geleugnet hatte. Und sagen tut dies alles ein Minister, der seinem deutschen Kollegen Seiters noch im Februar ’93 die Restitution deutscher Kunstgüter hochoffiziell zugesichert hatte.

Die Rückführung verschleppter Kunst ist eher ein Thema am Rande der großen Politik. Doch reicht es in Tiefenschichten deutsch-russischer, deutsch-sowjetischer Beziehungen. In der Sprache der Diplomatie wurden die Kulturgüter "kriegsbedingt verlagert". In Wirklichkeit wurden sie böse malträtiert und systematisch in die Eroberungspolitik eingebaut. Die Plünderungen rissen unersetzbare Lücken in die Kulturlandschaft des alten Europa. Das Deutschland Hitlers hatte den Anfang gemacht. Allein in Rußland wurden nach sowjetischen Angaben 2234 Kirchen und Klöster mehr oder weniger zerstört. Während Städte in Schutt und Asche versanken, wurden ganze Museen und Bibliotheken – in Smolensk, Kiew oder Charkiw – ausgeräumt; ebenso die Zarenpaläste rund um das eingeschlossene Leningrad. Das legendenumwobene Bernstein-Zimmer verschwand.

Schon während des Krieges stand fest, daß die sowjetischen Truppen im Gegenzug bei ihrem Einmarsch in Deutschland eine Politik der restitution in kind, der Entschädigung durch Mitnahme deutscher Kulturgüter, verfolgen würden. Eingepackt wurde in den Museen von Berlin (im Flakturm) und den Galerien von Dresden. Die Kunstsammlungen in Dutzenden von Städten und Landsitzen lichteten sich, die Bibliotheken von Gotha und Leipzig büßten außer dem normalen historischen Bestand einzigartige Kostbarkeiten (Gutenberg-Bibel) ein, Rüstungen aus der Wartburg wurden nach Osten verfrachtet. Um ihre Schätze vor Bombenangriffen zu schützen, hatte die Bremer Kunsthalle Teile ihrer Bestände nach Brandenburg ausgelagert – nun fielen sie in die Hände von Soldaten der Roten Armee. Wie vordem auf deutscher Seite auch kam es neben den organisierten Erfassungen durch die offiziellen Trophäen-Kommissionen zu Aneignungen in privater Regie – ein Dürer als Souvenir.

Gleich nach Kriegsende konnte die UdSSR im Einzugsbereich ihrer siegreichen Truppen umfangreiche Bestände dessen zurückführen, was die Einsatzstäbe Hitlers zuvor geraubt hatten. Weitere Verluststücke – die Listen nennen die Zahl von einer halben Million objects – gaben die US-Behörden an die Sowjetunion. Manches versickerte in den Wirren der ersten Besatzungszeit, um in Grauzonen des Kunsthandels oder in Hände privater (amerikanischer) Sammler zu gelangen. Die gegenwärtige Datenlage erlaubt keine Mythenbildung. Unstrittig aber läßt sich fünfzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg als Bilanz der gewaltigen Kunstverschleppungen von Ost nach West und West nach Ost die Tatsache feststellen, daß in Rußland (und früher dem Sowjetreich) heute noch sehr viel mehr deutsche Kulturgüter lagern als umgekehrt in Deutschland russische und ukrainische.