HANNOVER. – Eine Streitfrage spaltet die evangelische Kirche: Dürfen Pastoren in homosexueller Partnerschaft leben? Ginge es nach der Synode der Landeskirche Hannover, der mit 3,4 Millionen Mitgliedern größten lutherischen Kirche Deutschlands, könnte die Antwort "ja" heißen. Das Kirchenparlament sprach sich jüngst nach einer Kampfabstimmung bei der knappen Mehrheit von 44 zu 43 Stimmen und zwei Enthaltungen dafür aus, schwulen Pastoren, die aus ihrer Veranlagung keinen Hehl machen, "Arbeitsmöglichkeiten" in der Kirche zu eröffnen. Eine kleine Sensation. Ein vergleichbarer Beschluß wurde niemals zuvor gefaßt in deutschen Landeskirchen.

Doch der hannoversche Landesbischof bleibt bei seinem "Nein". Gleich nach der Abstimmung ließ Horst Hirschler wissen, daß er nicht gewillt sei, sich dem Votum der Synode zu beugen. Weil es in dieser Frage um eine "Art Grundgesetzänderung" gehe, sei ein magnus consensus nötig.

"Du sollst nicht bei Knaben liegen wie beim Weibe, denn es ist ein Greuel", heißt es schon bei Mose. Auf solche alttestamentarischen Verdammnisse der Homosexualität greift Hirschler nicht zurück, wenngleich sie für ihn "nicht einfach unwichtig" sind. Der Landesbischof versteht sich als Förderer der Ehe. Und schwule Pastoren, argumentiert er, könnten nicht glaubwürdig ihrem biblischen Auftrag gemäß für Ehe und Familie eintreten, wenn sie durch ihr eigenes Leben das Gegenteil bezeugten (siehe Interview).

Eine ganz andere Sicht der Dinge stellte beispielsweise der Göttinger Superintendent Hans-Hermann Jantzen dem Kirchenparlament vor. Es komme nicht darauf an, "daß", sondern "wie" ein Pastor in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft lebe. Sei die Beziehung geprägt durch Liebe und Treue, könne sie durchaus eine positive Ausstrahlung haben.

Obwohl derartige Auffassungen in der Synode eine Mehrheit fanden, blieb der Landesbischof hart. Und das Wort Hirschlers hat nicht nur innerhalb der Grenzen seiner Landeskirche Gewicht. Der Bischof ist gleichzeitig Vorsitzender der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, Mitglied im Rat der EKD und Herausgeber des Deutschen Allgemeinen Sonntagsblattes.

Anlaß für den Kirchenstreit ist der Fall des hannoverschen Pastors Hans-Jürgen Meyer. Weil der Geistliche öffentlich bekannt hatte, daß er mit seinem Freund schon sechs Jahre lang zusammen im Pfarrhaus gelebt hatte, war er nach einem Amtszuchtverfahren 1990 zunächst für fünf Jahre in den Wartestand versetzt worden. Ein Ausschuß für Lebensführungsfragen mühte sich seither, einen für alle Seiten akzeptablen Kompromiß zu dem strittigen Thema zu finden. Vergeblich. Nach dreijähriger Arbeit – drei von neun Mitgliedern hatten bereits ihr Mandat aus Protest gegen den konservativen Kurs niedergelegt – bekundete der Ausschuß vor allem, daß man sich nicht einig geworden sei.

Die rosaroten Zeiten haben die Kirche in "Schwulitäten" gebracht, wie die Hannoversche Allgemeine Zeitung schrieb. Hätte Meyer das Versteckspiel mit seinem Lebensgefährten doch fortgesetzt, wünscht so mancher kirchliche Würdenträger hinter vorgehaltener Hand. Nichts wäre ihm geschehen. Immer wieder hat die Kirchenleitung in Hannover bekundet, homosexuelle Pastoren zu dulden, wenn sie sich damit abfänden, partnerlos zu leben. Schnüffeln wolle man nicht, sondern die Privatsphäre als black box akzeptieren, heißt es augenzwinkernd. Alles weitere müsse der Seelsorger mit seinem Gewissen ausmachen. "Ich muß wissen, daß ich in persönliche Konflikte gerate, wenn ich Pastor werde, obwohl ich schwul bin", erläutert der Pressesprecher des Bischofs. Doch Meyer ist zu diesem Versteckspiel auch aus religiösen Gründen nicht bereit. "Nehmt mich so an, wie Gott mich geschaffen hat", hält er den Kirchenoberen entgegen. Und: "Es ist nicht gut, daß der Mensch allein, sei" – diese Bibelweisheit sei nicht auf das Verhältnis zwischen Mann und Frau beschränkt.