Von Gero von Randow

Die Einstellung zur Atomenergie gehört zu den letzten verläßlichen Erkennungsmerkmalen politischer Zugehörigkeit in Deutschland. Rechts und links sind unverwechselbar sortiert; bereits taktische Beweglichkeit, wie sie Gerhard Schröder und der verstorbene Veba-Chef Klaus Pütz unlängst zeigten, als sie den Anstoß zur Diskussion um einen Energiekonsens gaben, gilt in beiden Lagern weithin als suspekt.

Es wird Zeit, diese geistige Versteinerung aufzulockern.

Daß Kernkraftwerke für Grüne, SPD-Linke und ihre jeweiligen Milieus geradezu identitätstiftend wirken, liegt nicht zuletzt daran, daß die Geschichte dieser Technik eine durchaus übersichtliche Bewertung nahelegt:

  • Ihre Herkunft ist militärisch; es herrscht der wassergekühlte Reaktor vor, der aus der U-Boot-Technik stammt. Dieser Typ birgt, zumal wenn er für große Leistungen ausgelegt ist, bedenkenswerte Risiken.
  • Gewinninteresse und Sicherheitsinteresse geraten immer wieder miteinander in Widerspruch, auch heute noch. So warf Anfang November 1993 der Vorsitzende der U.S. Nuclear Regulatory Commission bei einer Tagung in Atlanta der versammelten Kraftwerker-Elite mit scharfen Worten vor, daß ihr Wirtschaftlichkeit allzuoft vor Sicherheit gehe.
  • Die Geschichte der Kernenergie ist auch die Geschichte heimlichen, zuweilen illegalen Zusammenspiels zwischen Mächtigen in Staat und Wirtschaft.
  • Die nuclear Community der Kerntechniker, wie sie sich selbst nennt, zeigt den Habitus einer Verschwörergemeinde. Sie hat ihren eigenen Code, ihre eigenen Würden und Hierarchien, zelebriert geradezu kultisch Effizienz, Genauigkeit und Diskretion. Sie ist weitgehend eine unternehmensorientierte, technizistische und männliche Subkultur.

Mit anderen Worten: So ziemlich alles, was den Wertvorstellungen und der Sozialästhetik jener politischen Generation zuwiderläuft, die in der Revolte der späten Sechziger ihren Ausgang nahm, verdichtet sich zum Feindbild des Atomkraftbefürworters. Der Streit um die Kernkraft verläuft entlang eines soziokulturellen Gegensatzes erster Güte.

Die Atomlobby macht es ihren Kritikern auch wahrhaft leicht. Derzeit fällt ihr nicht viel mehr ein, als die Notwendigkeit der Kernenergie für den "Standort Deutschland" zu beschwören. Gewiß, Energiepolitik ist auch ein Thema für Ökonomen und Wirtschaftspolitiker. Sie müssen die Kosten und Konsequenzen eines deutschen Ausstiegs aus der Kernenergie bedenken – schließlich stammt ein Drittel des hierzulande verbrauchten Stroms aus Atomkraftwerken. Und doch ist die nationalökonomische Borniertheit, mit der bei uns zur Zeit über Energie diskutiert wird, ein instruktives Beispiel für die Konjunkturabhängigkeit der politischen Moral: Kaum geht’s den Deutschen schlechter, sind all die schönen Worte von der Verantwortung für die Welt entflogen, die uns in seligen Rio-Zeiten umflatterten. Nur noch was "sich rechnet", das zählt.