Weshalb es fällig ist, daran zu erinnern, daß jenseits des "Standorts" der globale Horizont liegt. Wem die Grundidee der Rio-Konferenz, nämlich die politisch und ökonomisch tätige Sorge um die ganze Menschheit, etwas wert geblieben ist, der wird um die grundsätzliche Frage nicht herumkommen:

Ist Kernenergie nötig, um den Energiebedarf der zukünftigen Welt zu decken?

Äußerst vertrackt ist bereits das Problem, wieviel Energie die Menschheit brauchen wird, schließlich hängt die Antwort davon ab, wie wir uns diese Menschheit und ihre Bedürfnisse vorstellen. Immerhin der Größenordnung nach läßt sich ein bestimmender Parameter schätzen, nämlich die Bevölkerungsentwicklung. Fünfeinhalb Milliarden Menschen leben heute, in wenigen Jahrzehnten können es bereits zwölf Milliarden sein. Pessimisten schätzen, daß in hundert Jahren neunzehn Milliarden Menschen leben werden. Den Zuwachs wird es fast nur in armen Ländern geben.

Angesichts dieser Dynamik verblaßt der Einwand, es lebten nicht zu viele Menschen, sondern zu viele ressourcenfressende Wohlstandsbürger, zum oberflächlichen Bonmot. Der parasitäre Energiekonsum auf unseren Inseln des Reichtums wird zum Sekundärproblem einer Menschheit, die auf eine zweistellige Milliardenzahl zustrebt.

Nun sind Energieprognosen nicht viel zuverlässiger als Wetterprognosen. Empirisch gesichert ist freilich, erstens, daß regelmäßig Korrelationen zwischen Lebensstandard, Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch auftreten – Korrelationen nur, nicht etwa lineare Kausalitäten dergestalt, daß hoher Energieverbrauch die Lebensqualität steigere. Unbestritten ist zweitens: Je sparsamer und umweltbewußter die Menschen Energie produzieren und verbrauchen, desto größer ist der Anteil des Stroms am Energieaufkommen.

In dieses qualitative Modell von Trendabhängigkeiten setzen Prognostiker mutig ihre Zahlen ein. Das sind mehr oder minder gut erratene Werte, deren finite Exaktheit leicht täuscht. Kaum jemand mag heute allerdings mehr bestreiten, daß die globale Minimalversorgung im Jahre 2020 wenigstens das Doppelte der heutigen Stromproduktion voraussetzt und ein paar Jahrzehnte später das Vierfache – in der besten der Welten, in der die Reichen teilen und alle fleißig sparen.

Der Club of Rome meint, es sei unwahrscheinlich, daß die technischen Kapazitäten für Atomstrom mit dem steigenden Bedarf Schritt halten könnten. Indes: Die 428 derzeit installierten Anlagen, die etwa ein Fünftel des Stroms weltweit produzieren, wurden überwiegend in den letzten drei Jahrzehnten errichtet; Frankreich gar benötigte nur rund zwanzig Jahre, um seine Stromproduktion zu drei Vierteln auf nukleare Basis umzustellen. Eine Verdoppelung oder Verdreifachung der weltweiten AKW-Zahl wäre mithin rein technisch möglich.