Ein weiterer Einwand wiegt schwerer: Der Strombedarf wird in armen Ländern explodieren, denen es an Kapital, technischer Infrastruktur und Qualifikation mangelt – weshalb die Kernenergie dort nicht in Frage komme. Doch wo steht geschrieben, daß die gängigen 1300-Megawatt-Meiler, Stückpreis fünf Milliarden Mark, die alleinseligmachende Kerntechnik seien? In Indien beispielsweise werden Reaktoren der 200-Megawatt-Klasse entwickelt, die besser ins dortige Netz passen. Die kerntechnischen Abteilungen von Siemens/KWU, Westinghouse oder ABB hätten vielerlei Ideen für noch kleinere Anlagen parat. Sie wären leichter zu bedienen als die dicken Brummer, zum Teil auch erheblich sicherer, einige von ihnen könnten außer Strom noch Wärme liefern – doch niemand bestellt sie.

Denn in der Tat: Bleibt es in den armen Ländern beim ökonomischen Status quo, dann fällt für die meisten von ihnen schon aus Geldmangel die Kernenergie aus, übrigens auch die Photovoltaik und jede andere moderne Energietechnik. Doch allzu wohlfeil ist die Weisheit, daß es keine rein technische Lösung für die Not der Entwicklungsländer geben wird; dennoch sollte nach dem besten Beitrag der Energietechnik gesucht werden.

Zu diskutieren wäre dabei, ob es Alternativen zur Kernenergie gibt, die geringere Risiken bergen – namentlich Sonnenstrom, Wasserkraft und Energieerzeugung aus fossilen Quellen.

Der Übergang zu einer solaren Energiewirtschaft binnen weniger Jahrzehnte ist, hoffentlich, die letzte technikgläubige Utopie dieses Jahrhunderts. Überdies zeigte die Photovoltaik, würde sie großtechnisch eingesetzt, keineswegs nur sanfte Züge: Die Produktion hochreinen Zellensiliziums belastet die Umwelt mit Chemikalien und frißt viel Energie – so viel, daß ein photovoltaisches Kraftwerk drei bis sieben Jahre braucht, bis es sich energetisch amortisiert hat (zum Vergleich: Ein Kernkraftwerk hat nach zwei bis vier Monaten die Energie erzeugt, die sein Bau verschlang). Die ökologischen Risiken von Wasserkraftwerken wiederum sind notorisch, und niemand vermag die Risiken einer Energiepolitik zu beziffern, die vorrangig fossile Energieträger nutzt, schon gar nicht, wenn auch noch die Gefahr einer Klimaveränderung bewertet werden soll.

Abenteuerlich wäre es, lediglich eine oder wenige Energietechniken mit aller Gewalt auf die vielfache Leistung trimmen zu wollen. Zumal bisher nicht dargelegt wurde, wie allein mit Energiesparen und regenerativen Energiequellen genügend Strom zur Versorgung der zukünftigen Menschheit mobilisiert werden kann.

Wer wollte indes das Risiko einer Energielücke schätzen oder es gar gegen die Risiken der Kernenergie wägen? Hunger- und Kriegstote gegen Strahlentote verrechnen? Fatalerweise bürdet jede Entscheidung für oder gegen die Kernenergie den kommenden Generationen Risiken auf. Ein trittfester Ausweg aus dem Dilemma ist noch nicht gefunden, aber zur Diskussion gestellt sei wenigstens dies:

  • Kleine, vom herkömmlichen Design abweichende Kernkraftwerke, die eine Kernschmelze physikalisch ausschließen (etwa so, wie ein Stein nicht nach oben fällt), sollten zum bevorzugten Entwicklungsziel der Kerntechnik werden – anstelle der von Siemens und Framatome favorisierten Umkonstruktion hergebrachter Leichtwasser-Reaktoren.
  • Irreversible Verfahren, Atommüll zu lagern, sind derzeit nicht genug erforscht – und deshalb: bis auf weiteres nur Zwischenlagerung.