Von Werner A. Perger

Wien

Die Vorbilder des Mannes in der Wiener Hofburg wirken nebenan. In diesen Tagen besucht er sie: Anfang der Woche war er bei Václav Havel auf dem Hradschin, am nächsten Montag kommt er zu Richard von Weizsäcker in die Villa Hammerschmidt.

Thomas Klestil, im Sommer 1992 vom österreichischen Volk zum Bundespräsidenten gewählt, hat viel nachzuholen. Die sechs Jahre seines Vorgängers Kurt Waldheim waren, wegen des Streits um dessen Vergangenheit als Wehrmachtsoffizier, Jahre der internationalen Isolation Österreichs. Staatsoberhäupter machten einen Bogen um das Land, und Waldheim mußte seinen Repräsentationsbedarf in Despotien der Dritten Welt decken.

Bald werden es dreißig Auslandsbesuche sein. Klestil bedient sich dafür des für Amtsträger seines Ranges unüblichen Mittels der "Arbeitsbesuche". Im kleinen Jet und mit kleiner Begleitung, für ein bis anderthalb Tage in eine andere Hauptstadt, politische Gespräche mit allen, vom Staatsoberhaupt über den Regierungschef bis zum Oppositionsführer, alles mit kleinstem Protokoll, aber feiner Pressearbeit für die Heimat. Im Gespräch läßt der Bundespräsident keinen Zweifel an der Überzeugung, mit dieser energischen Reisediplomatie seinem Land vorzüglich zu dienen. Außerdem steht ja in der Verfassung: "Der Bundespräsident vertritt die Republik nach außen..."

Aber vielleicht zu sehr? Gegenüber am Wiener Ballhausplatz, im Bundeskanzleramt, wächst die Skepsis. Sie nährt sich aus allerlei Gründen: Da ist der unverwundene Groll darüber, daß der Diplomat und Christdemokrat mit 56,8 Prozent der Stimmen in der Stichwahl ein österreichisches Rekordergebnis erreichte. Seit einiger Zeit irritiert den SPÖ-Kanzler Franz ("Vranz") Vranitzky, bisher allein auf den Gipfeln der Beliebtheitsskala, daß der Bundespräsident ihm diesen Platz an der Sonne streitig macht.

"Schönheitskonkurrenz" nennt man das in den Kaffeehäusern rund um Hofburg und Ballhausplatz. Ihm sei das gleichgültig, versichert der Präsident. Ein korrektes Verhältnis zum Bundeskanzler halte er für wichtiger als diese Spielchen. Aber dieser Thomas Klestil ist längst so viel Politiker und Medienmensch, daß er den Reiz solcher Wettbewerbe um die Gunst der Öffentlichkeit zu schätzen weiß. Und schließlich ist die Beliebtheit – das Volk – sein Kapital.