Ich bin anders als alle Menschen", behauptete Laotse, und Buddha behauptete: "Ein Gleicher, wie ich, wird nicht gefunden." Jahrtausende später hört sich solches Selbstverständnis kaum anders an, und zwar bei Jean-Jacques Rousseau so: "Meine Natur ist von der aller, die ich gesehen habe, verschieden; ich wage sogar zu behaupten, nicht wie ein einziges von allen menschlichen Wesen geschaffen zu sein. Bin ich auch nicht besser, so bin ich doch anders."

Mangels Kommunikationszeitalter konnten diese Geister nicht wissen, daß auch andere Leute regelmäßig anders als andere sind. Wer würde nicht bei entsprechender Informationslage über diesen Menschheitsirrtum in sich gehen, um nachzuprüfen, ob man möglicherweise nicht ähnlich funktioniert wie andere, wenn nicht gar genauso wie dieselben. Das hat bis zu jener Witzzeichnung geführt, wo aus einer Meute, die bis zum Horizont aus identischen Strichmännchen besteht, eine einzige Sprechblase hervorwächst, in der zu lesen steht: "Ich bin anders!" Immerhin wurde man hier und da, seit Gottfried Benn, etwas genügsamer: "Ich denke über vieles anders als die meisten" – wem ginge das nicht so? Genauso sein und trotzdem anders denken, nicht gleich in toto, aber immerhin in vielem!

Die Erfahrung statistischer Identität im Massenzeitalter hat sich leider im Sprachgebrauch noch nicht recht niedergeschlagen. Es wird weiterhin das Unikum gefeiert, so diesseits wie möglich von Max Horkheimers, Rudolf Ottos und Karl Barths Begriff des ganz Anderen, und noch viel mehr diesseits von Hegels Nachweis, daß sowohl das Eine wie das Andere als füreinander Anderes bestimmt und hiermit dasselbe sind. Eugen Drewermann bewegt, laut ZDF-"heute-journal", wie kein anderer zur Zeit die Gemüter – als würden nicht auch andere Leute die Gemüter der Leute bewegen! Otto Schlecht hat, laut Klaus-Peter Schmid, wie kein zweiter deutsche Wirtschaftspolitik gestaltet. Ferdinand Gregorovius hat, laut Hansjakob Stehle, wie kein anderer die Geschichte Roms geliebt und erforscht. Wie niemand sonst steht die F.D.P., laut Selbstaussage, für erfolgreiche Wirtschaftspolitik. Rainer Maria Rilke hat, laut Volker Michels, wie kein zweiter Schriftsteller unseres Jahrhunderts der deutschen Sprache eine Musikalität und Geschmeidigkeit abgewonnen, die man ihr vorher kaum zugetraut hätte. Günter Grass hat sich, laut Luchterhand-Anzeigentext, wie kein anderer, auch kein Politiker, so frühzeitig, so beharrlich, so eindringlich, so entschieden zur deutschen Frage geäußert. Baudelaire hat, laut Cocteau, wie kein anderer über Dekadenz gesprochen. Ernst Bloch hat, laut Oskar Negt, wie kein anderer einen Begriff von der spezifischen Erfahrungsweise der Massen.

Andere drücken das instinktiv schon wesentlich vorsichtiger aus, ohne sich deswegen gleich unnachahmlich freizuschwimmen: Nicht wie kein anderer, sondern bloß wie kaum ein anderer hat Ernst Bloch, laut Walter Schulz, gewußt, daß man von den Grenzen, dem Äußersten, zurückkehren muß zu den Aufgaben, die dem Menschen im Hier und Jetzt geschichtlich auferlegt sind, und gleichfalls wie kaum ein anderer weiß der Stasi-Aufarbeiter Jürgen Fuchs, laut "Titel Thesen Temperamente", Bescheid über die Schuld seiner Landsleute. Ernst Toller wurde, laut Wolfgang Rothe, geliebt und gehaßt wie kaum ein anderer. Desgleichen wußte Hitler, laut Werner Maser, wie kaum ein anderer Redner seiner Zeit Groll und Enttäuschung der heimkehrenden Weltkrieg-I-Soldaten zu artikulieren. Und Leonard Cohen läßt, laut Raoul Hoffmann, wie kaum ein anderer vor ihm die Grenzen der Rockmusik sichtbar werden; desgleichen hat kaum eine andere philosophische Arbeit der Nachkriegszeit, laut Michael Eldred, in derart kurzer Zeit ein so lebhaftes Echo bei einer derart großen Zahl von Lesern gefunden wie Sloterdijks Zynikbuch, worin zu lesen steht, daß der junge Goethe wie kaum ein anderer das vitale Geheimnis des bürgerlichen Neokynismus erahnt und als Kunst ausgelebt habe, derweilen Emil Julius Gumbel, laut Volker Ullrich, wie kaum ein zweiter die in Deutschland so seltene Tugend der Zivilcourage verkörpert hat – wer verbirgt sich von Fall zu Fall hinter diesem kaum?

Hat möglicherweise doch noch ein anderer vitale Geheimnisse erahnt und die Grenzen der Rockmusik sichtbar gemacht? Und ist Jürgen Fuchs womöglich doch nicht der einzige, der wie kaum ein anderer um die Schuld seiner Landsleute weiß? Es wäre natürlich unendlich zu begrüßen, wenn irgend jemand mal etwas wüßte, was tatsächlich kaum ein anderer weiß. Angenommen, ich wollte hiermit behaupten, ich wüßte wie kaum ein anderer um die Fragwürdigkeit dieser Formulierung, prompt verhalte ich mich inhuman, indem ich nämlich anderen Leuten nicht zutraue, daß sie gleichfalls um diese Fragwürdigkeit wissen, obwohl das wahrscheinlich fast alle wissen, außer all jene Autoren, von denen kaum einer gemerkt hat, daß rundum kaum eine andere Formulierung so häufig, so unzutreffend, so stur verwendet und weiterverwendet wird wie diese, und von denen kaum einer spürt, daß die Teilnehmer des heutigen Unikumgedrängeis sich selbst in die Quere kommen müssen, um sich irgendwann wechselseitig auszuschließen, und zwar spätestens von heute an, mit hoffentlich sofortiger Wirkung.