Die geschickte Umbenennung eines Bankpreises in einen Nobelpreis konnte nur gelingen, weil Dotierung und Auswahlverfahren analog zu den richtigen Nobelpreisen gestaltet wurden. Wie in den Disziplinen Physik und Chemie wählt die Königlich Schwedische Akademie auch den "Nobelpreisträger" im Bereich Ökonomie. Die Akademie ließ sich allerdings erst nach langen Diskussionen darauf ein. Vor allem die Naturwissenschaftler meinten, die Ökonomie sei noch viel zu spekulativ für einen Nobelpreis. Viele Ökonomen sehen das ähnlich. Der amerikanische Managementprofessor Peter F. Drucker formulierte einmal spitz: "Es gibt keinen größeren Blödsinn als den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Das ist so, als hätte man im 17. Jahrhundert einen Nobelpreis für Physik verliehen." Am Ende ließ sich die Königlich Schwedische Akademie dennoch die Zustimmung abringen. Dafür können sich die Ökonomen in erster Linie bei Gunnar Myrdal bedanken, ihrem weit über die Fachgrenzen bekannten Kollegen, der damals im intellektuellen Klima Schwedens so etwas wie eine Institution war. Der hochbegabte Myrdal wird dabei insgeheim wohl auch an einen Preis für sich selbst gedacht haben – zu Recht, 1974 bekam er ihn.

Als Preisträger kommen praktisch nur Universitätsprofessoren in Frage. Jedes Jahr im Oktober verschickt das Preiskomitee ein Formular an 75 Professoren der Volkswirtschaftslehre in der ganzen Welt. Nur selten geht auch einmal ein Fragebogen an einen Betriebswirt oder einen nichtuniversitären Ökonomen. Im Konkurrenzkampf um den Preis, mit dem ein hohes Prestige, aber auch Einkommen verbunden ist, neigen die Hochschulgelehrten zur Kartellbildung.

Dabei findet sich ökonomischer Sachverstand bekanntlich nicht nur an den Universitäten, sondern auch in Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds, der OECD in Paris oder Forschungsinstitutionen von Verbänden. Auch dort wird theoretisches Neuland betreten. Um nur ein Beispiel aus dem Lande der Nobelpreise zu nennen: Die schwedischen Gewerkschaftsökonomen Rudolf Meidner und Gösta Rehn entwickelten bahnbrechende Arbeiten zur aktiven Arbeitsmarktpolitik, die großen Einfluß auf die Wirtschaftspolitik in Schweden und dann auch in anderen Ländern ausübten. Meidner und Rehn kann es zum großen Teil angerechnet werden, daß Schweden heute über einen ungewöhnlich gut funktionierenden Arbeitsmarkt verfügt. Bekommen sie dafür je einen Nobelpreis? Mit Sicherheit nicht. Daß Meidner und Rehn ihre Karriere vorwiegend außerhalb von Hochschulen machten, diskreditiert sie in den Augen des Komitees, dessen Vorsitzender Assar Lindbeck ist – ein Universitätsprofessor.

In deren Kreisen dauert es sehr lange, bis ein Wissenschaftler international bekannt wird. Allein schon das Schreiben und Publizieren eines Werkes kann mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Und dann kommt das Wichtigste: Die Kollegen müssen aufmerksam gemacht werden und vor allem die Arbeit zitieren. Obwohl viele Universitätsökonomen sich mittlerweile ganz gut selbst in Szene setzen können, vergehen dann doch Jahrzehnte, bis jemand von seinen Kollegen auf die Vorschlagsliste gesetzt wird. Außerdem geht auch das Preiskomitee in diesem Punkt auf Nummer Sicher: Nur Arbeiten, die in langer Fachdiskussion ihre Haltbarkeit bewiesen haben, werden prämiert. Beispielsweise veröffentlichte Gunnar Myrdal seine nobelwürdige Untersuchung über die Lage der Schwarzen in den USA bereits im Jahre 1944, den Preis bekam er 1974. Von Nobels Bestimmung, diejenigen Arbeiten auszuzeichnen, "die im verflossenen Jahr der Menschheit die größten Verdienste erwiesen haben", hat man sich damit (wie in den Naturwissenschaften) stillschweigend sehr weit entfernt.

Allein schon wegen der jahrzehntelangen Zeitverzögerung haben die prämierten Arbeiten mit den Problemen der Gegenwart meist wenig zu tun. Wichtige theoretische Erkenntnisse haben indes ihre Bedeutung über den Tag hinaus, weil sie grundlegende Einsichten und methodische Werkzeuge vermitteln, die dann bei der Analyse aktueller Probleme angewandt werden können. Insofern schießt die häufig geäußerte Kritik, das Nobelkomitee würde nur realitätsfernes Altpapier auszeichnen, ein gutes Stück über das Ziel hinaus. Die Analyse aktueller Probleme erfordert freilich auch laufend neue theoretische Ansätze. Aber diese kommen beim Preiskomitee eben nicht zum Zuge.

Mittels der "Nobelpreise" machte die Ökonomie Karriere. Sie wurde symbolisch in die Nähe der Naturwissenschaften gerückt – und strotzt dementsprechend mittlerweile vor Mathematik. Doch trotzdem gibt es noch immer viel Spielraum für Spekulationen, noch immer können Ökonomen bewußt oder unbewußt eigene Vorurteile in das Räsonnement einschmuggeln.

Natürlich prägen auch die subjektiven Eigenschaften der Preisrichter die Kandidatenauswahl. Die Sitzungen des Preiskomitees sind vertraulich, aber wie der gegenwärtige Vorsitzende Lindbeck vor einigen Jahren schrieb, trifft das Komitee seine Empfehlungen an die Akademie "einvernehmlich. Die Einstimmigkeit innerhalb des Komitees entwickelte sich nach intensiven Diskussionen tatsächlich fast ,automatisch‘ – wie mit Hilfe einer unsichtbaren Hand." Schon das amerikanische Wirtschaftsmagazin Business Week kommentierte: "Viele Skeptiker vermuten, daß diese unsichtbare Hand Lindbecks eigene ist."