Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau

Zu Beginn dieser Woche war Moskau von allen Staatsführern verlassen. Boris Jelzin inspizierte, bevor er zur EG nach Brüssel flog, Rußlands blutige Südflanke im Kaukasus. Für die riskante Wahlmission zog er die gesamte Sicherheit aus dem Zentrum ab: Die Minister für Verteidigung, Inneres und Sicherheit mußten mit ins ossetische Krisengebiet. Außenminister Kosyrew warb im hohen Norden um die Stimmen von Murmansk. Vizepremier Jegor Gajdar nahm Urlaub für die letzten Wahleinsätze, während die über Monate unbezahlten Bergleute von Workuta neue Streiks androhten. Und Ministerpräsident Tschernomyrdin fiel mit einer Nierenkolik aus.

Am Ende dieser Woche könnten Rußlands Staatsführer, von den Wählern verlassen, aus allen Wolken fallen. Der 12. Dezember wird, wenn Kommunisten, Populisten und Nationalisten triumphieren und die neue Verfassung beim gleichzeitigen Referendum durchfällt, die Zeit vor dem Sturm auf das Weiße Haus zurückbringen mit neuen, unabsehbaren Konflikten über System und Staatsaufbau. Der Wahlsonntag kann aber auch, im günstigsten Fall, zu einer Atempause führen und etwas festere Verhältnisse für die nächsten zwei Jahre anbahnen.

Die eben noch verbotenen Kommunisten werden mit Sicherheit im neuen Parlament sitzen. Sie profitieren vor allem von den Demokraten, die vier Blöcke statt eine gemeinsame Kraft bilden. Nur ein halbes Dutzend der dreizehn Parteien und Bündnisse wird überhaupt die Fünfprozenthürde zum neuen Unterhaus, der Staatsduma, nehmen. Nicht viel mehr als die Hälfte der 108 Millionen Stimmberechtigten wird überhaupt zur Wahl gehen. Und von dieser guten Hälfte weiß bisher wiederum nur eine Hälfte schon, für wen sie eigentlich stimmen soll.

Prognosen sind unmöglich, Konturen ergeben sich nur aus der Distanz. Von 1989 an hat die Bevölkerung die Möglichkeit erhalten, auf die politischen Prozesse über das Wahlsystem Einfluß zu nehmen. 95 Prozent der höchsten Behördenschicht waren bis zu Beginn der neunziger Jahre Mitglieder der KPdSU. Wer heute noch als Kommunist firmiert, wirft Jelzin jetzt vor, ein Pharao werden zu wollen. Zentristen und Populisten nennen ihn Zar, Monarch oder Diktator. Und selbst demokratische Oppositionelle kritisieren den Präsidenten als Autokraten. Dabei ist Boris Jelzin bisher so oft gewählt worden wie niemand sonst. Er hat mit drei Wahlkampagnen und einem Referendum mehr Legitimität gewonnen und mehr für freie Wahlen gewagt als jeder andere.

Über Jahre hat Boris Jelzin Rußland und die Welt mit seiner Karriere der steilen Abstürze und der unglaublichen Wiederaufstiege frappiert. Heute ist dieses "Muster" fast schon normal geworden für den politischen Lebenslauf vieler russischer Staatsfunktionäre. Selbst die August-Putschisten Lukjanow und Starodubzew kandidieren nun wieder für die Bundesversammlung.