Nikosia

Die Friedenstaube ist aus Blech und trieft von Blut. Die rote Flüssigkeit rinnt von ihrem Rücken hinunter auf den weißen Bauch. Der so bemalte Vogel hat die Form der Insel Zypern. Natürlich ist der türkisch besetzte Teil rot gefärbt; der griechisch-zypriotische "Unterleib", die Republik Zypern, erscheint blütenweiß. Denn das Mahnmal steht südlich der Grenze. In derselben Stadt, immer noch in Nikosia, nur ein paar Grenzhäuschen, Sandsäcke und Stacheldrahtrollen nördlich davon, lautet die Propaganda genau andersherum: "Keine weiteren Massaker" steht in großen Lettern unter Bildern, die Szenen aus den siebziger Jahren zeigen, bei denen Türkisch-Zyprioten umgebracht wurden. – Seit neunzehn Jahren ist das Eiland im Mittelmeer geteilt. Auf 180 Kilometern mäandriert die von UN-Soldaten überwachte "grüne Linie" quer durch Zypern. Kontakte gibt es kaum noch.

Im Norden haben seit ihrem Einmarsch 1974 die Türken das Sagen. Schon nach der Grenzstation fällt die Armeepräsenz auf. 35 000 Besatzungssoldaten auf 156 000 Bürger ergibt ein befremdliches Verhältnis. Am kommenden Wochenende soll nun gewählt werden in der "Türkischen Republik Nordzypern", der Gänsefüßchenrepublik, die außer von der Besatzungsmacht von keinem Land der Welt anerkannt wird. Für viele Türkisch-Zyprioten ist klar, daß auch nach dem Wahlsonntag einer bestimmen wird, den keiner von ihnen gewählt hat: der türkische "Gouverneur", offiziell Botschafter der Türkei. Gleichwohl ist der Wahlkampf überaus lebhaft. Das Wahlrecht ist allerdings bizarr und begünstigt die Herrschenden, die Vasallen Ankaras. Käme es einzig auf das Votum der türkisch-zypriotischen Bevölkerung an, dann hieße der Sieger Ösker Özgür, ein kluger, zurückhaltender Mann, der seit Jahren für die Versöhnung mit den Griechisch-Zyprioten eintritt. "Wir haben die Parteifarbe geändert – auf grün, Symbol für Hoffnung und Frieden." Aber Özgür ist nüchtern geblieben: "Wir erleben derzeit chauvinistische Zeiten. Die Annäherung ist schwieriger geworden."

Er weiß auch, wie die Türkei die Demographie Nordzyperns geschickt manipuliert hat: Viele Türkisch-Zyprioten, wahrscheinlich mehr als 50 000, haben ihre isolierte, fremdbeherrschte Heimat verlassen. Statt dessen werden seit Jahren Siedler aus Anatolien hergelockt, so zahlreich, daß die verbliebenen 90 000 Einheimischen bald eine Minderheit im eigenen Land sein könnten. Die Stimmen der Siedler, die befürchten, im Falle einer Wiedervereinigung zurück in die Türkei vertrieben zu werden, gehen zum amtierenden Regierungschef Derwisch Eroglu. Ihm neigen auch jene Geschäftsleute zu, die von dem Pariastatus Nordzyperns kräftig profitieren bei ihren dubiosen Geschäften im Kunstschmuggel, Drogen- und Mädchenhandel. Nur in einem geteilten Land sieht er für die Türkisch-Zyprioten Sicherheit, Frieden und Würde: "Wenn wir die beiden Gemeinschaften zusammenzwingen, bekommen wir ein Blutbad."

In dasselbe Horn stößt Hakki Atun, Spitzenkandidat der Demokratischen Partei DP. Das Kürzel könnte genausogut für "Denktasch-Partei" stehen. Denn der starke Mann hinter der Bewegung ist Rauf Denktasch, der vor Jahren schon "Teilung oder Tod" schrie. Heute ist er "Präsident" Nordzyperns, was ihn aber nicht hindert, aktiv im Wahlkampf mitzumischen für die DP, in der sein Sohn Serdar seine politischen Sporen verdient. Kurze Zeit erwog er sogar, ohne Aufgabe seines Präsidentenamtes auch als Abgeordneter zu kandidieren. Ein merkwürdiges Demokratieverständnis, das schlecht paßt zum Credo von Parteichef Atun, der in den Kaffeehäusern seine Gruppierung als Partei der Saubermänner gegen die Korruption anpreist. Hakki Atun ist wie sein Meister Denktasch gegen eine Wiedervereinigung: "Wir können nicht zusammenleben – ob es uns paßt oder nicht." Im übrigen sei der Status quo mit der Teilung doch "ganz erträglich".

Das sehen viele Türkisch-Zyprioten anders. Bitterer noch als die neidvollen Blicke auf die pro Kopf viermal reichere Republik Zypern im Süden ist das Gefühl der Einsamkeit. "Ingos – das beste deutsche Restaurant", Läden, die auf alten Schildern "alles für die deutsche Küche" anpreisen, oder T-Shirts mit Londoner U-Bahn-Plänen sind untaugliche Versuche, Weitläufigkeit vorzutäuschen. Der nördliche Inselteil wirkt im Vergleich mit dem Süden wie ein Drittweltland. Noch einsamer fühlen sich die Türkisch-Zyprioten, seitdem die Regierung Eroglu fast alle der ohnehin spärlichen Kontakte mit der Republik Zypern unterbunden hat. Rauf Denktasch hat nun im Sommer sein Mandat als Verhandlungsführer hingeworfen. Der gewiefte Diplomat tat jahrelang so, als werde er letztendlich die UN-Resolutionen über die Wiedervereinigung Zyperns akzeptieren. Als er schließlich von Generalsekretär Butros Butros-Ghali in die Enge getrieben wurde, war, wie er selber einräumt, "das Spiel aus". Neunzehn Jahre lang hat er über einen Bundesstaat verhandelt, doch im Grunde immer auf der Teilung beharrt.