Von Helmut Höge

Die ersten Münzen wurden 500 Jahre vor Christi Geburt in Ionien geprägt. Ihr Umlauf zerstörte die damaligen Gemeinschaften nachhaltig. Mit den Folgen beschäftigten sich die griechischen Dichter und Philosophen. Wenn man dem Erkenntnistheoretiker Alfred Sohn-Rethel folgt, dann hing die Entstehung der Philosophie sogar ursächlich mit diesem neuen Zahlungsmittel zusammen, dessen einziger unverschleißbarer Gebrauchswert sein Tauschwert war: "Das Geld ist die bare Münze des Apriori."

Nun gibt es einen Versuch im Ostberliner Bezirk Prenzlauer Berg, den Prozeß der Zerstörung eines Soziotops durch ein Zahlungsmittel mittels eines anderen Zahlungsmittels aufzuhalten. Die zweite Währung heißt, nach einem Vorschlag des griechischen Philosophen Diogenes, "Knochen". Sie besteht aus fünfzig Geldscheinen, deren Motive von fünfzig Künstlern (aus dem In- und Ausland) angefertigt wurden. Ihre Galerie "O zwei" (Oderberger Straße 2), die sich nun "Dezentralbank" nennt, photokopierte diese 20-Knochen-Scheine (=20 Mark) in einer Auflage von je hundert Stück (= 100 000 Mark total), erschwerte mit Stempeln und Signaturen ihre Fälschung und brachte sie schließlich in Umlauf. Mehr als 25 Läden, alle im Umfeld des Käthe-Kollwitz-Platzes gelegen, sind die Ausgabestellen. Bisher wurden Knochen im Wert von 40 000 Mark verkauft. Viele an Sammler, die das Kunstgeld zu Hause horten, um sich daran zu erfreuen und damit es an Wert gewinne.

Die Künstler und O-zwei-Banker haben aber eine wöchentliche Abwertung festgelegt. Um den Verlust (in Höhe von einer Mark) auszugleichen, muß der Knochengeldbesitzer jeden Mittwoch einen Coupon für eine Mark kaufen und auf den Schein kleben. Am selben Tag können auch die am Umlauf beteiligten Läden, Kneipen, Kiezküchen und Restaurants die bei ihnen aufgelaufenen Knochen zurücktauschen. In einigen Geschäften gibt es Waren, die ausschließlich gegen Knochen zu erwerben sind (Bücher, Schuhcreme, Gardinenwaschmittel zum Beispiel). Das war einer der ersten Erweiterungen des Geldexperiments, das vor zwei Wochen begann und Ende des Jahres beendet werden soll.

Gerade die Erweiterungen, Ankoppelungen und Störungen beleben das "Projekt Künstler machen Geld". In gewisser Weise trägt auch die Reaktion der Presse dazu bei. Ein Werbeplakat der Berliner Bild- Zeitung meldete: "Verrückt – Prenzlberg druckt eigenes Geld!" Seitdem kommen täglich neue Reporter und Fernsehteams. Den Graphiker Klaus Staeck, der einen Ausschnittdienst beschäftigt, dem er zwei Mark pro Lieferung zahlt, hat das Medienecho bereits umgerechnet zehn Knochen gekostet. Und A. R. Penck, der die Galerie-Bank Ozwei neuerdings meidet, hat geunkt: "Die werden alle verhaftet."

Tatsächlich ist das Kunstgeld juristisch umstritten: Der Falschgeldexperte der Bundesbank in Frankfurt sieht darin einen "klaren Verstoß gegen Paragraph 35 des Bankgesetzes – das hat mit künstlerischer Freiheit nichts zu tun". Bei der Rechtsabteilung der Berliner Landeszentralbank will man jedoch "den Künstlern keinesfalls den Spaß verderben" und sieht das "Falschgeld" nach Paragraph 146 des Strafgesetzbuchs nicht als solches an. Wohl aber mache sich strafbar, wer Raubkopien der Zweitwährung in Umlauf bringe: Wegen "Verletzung des künstlerischen Urheberrechts – das ist verboten". Ähnlich pragmatisch denkt der Pressesprecher der Berliner Kriminalpolizei: "Wenn die Läden das Knochengeld annehmen, ist das ihr Problem."

Die mitspielenden Geschäftsleute hoffen auf neue Kunden, aber auch, wie Spätkauf Laßner und der Ostkost-Laden etwa, auf eine interessante Abwechslung: "Mal sehen, wie das funktioniert ..." Schon hat sich die Initiative "Kauf im Kiez", ein Zusammenhalte-Verein von 61 Prenzlauer-Berg-Läden, in die allmittwöchentlich stattfindenden Diskussionsabende der Galerie eingeklinkt. Schulklassen lassen sich dort mittlerweile in die Geheimnisse der "Zirkulationssphäre" von ihren Lehrern einweihen. Auch kunstsinnige Berlin-Reisegruppen zeigen Interesse.