Von Burkhard Müller-Ullrich

Die Szenerie könnte aus einem Film stammen: Expeditionen im Pariser Untergrund. Mit einer Taschenlampe steigen wir ins Kellergeschoß des Palais de Tokyo hinab. Im Schein des kleinen Lichtkegels wirken die riesigen Hallen und Treppen noch monumentaler. Es ist kühl. Seitdem das Gebäude vor drei Monaten wegen Umbaus geschlossen wurde, sind Heizung und Beleuchtung auf Sparbetrieb geschaltet. Christian Oddos, der Herr des leeren Hauses, amtlich: Directeur general de la Mission pour l’aménagement du Palais de Tokyo, öffnet eine unscheinbare Tür und präsentiert sein Kleinod: die "Salle 1937". Der Raum ist nur ein einziges Mal benutzt worden, anläßlich der Eröffnung der Pariser Weltausstellung 1937 durch Léon Blum. Dann ließ ihn die Bauaufsicht zumauern, weil Notausgänge fehlten. Und hinter dieser Wand geriet der Vortragssaal ganz in Vergessenheit, er verschwand sogar von offiziellen Planzeichnungen.

Das grüne Leder der Polsterstühle ist spröde geworden, und die Decke blättert ab. Ansonsten scheint alles tadellos erhalten. Ein Seitengang führt in noch abenteuerlicher aussehende Gefilde: ein gigantisches Backsteingewölbe, das die Avenue du President Wilson trägt. Hinter einer weiteren Wand rumpelt die Metro. Das ganze Palais de Tokyo, einst für die Weltausstellung errichtet und nach dem Seinequai benannt, der heute Avenue de New York heißt, steht gewissermaßen unterirdisch im Freien. Das erleichtert seine geplante Transformation in ein "Palais des Arts de l’Image" erheblich. Bis in zwei Jahren soll das größte Filmmuseum der Welt daraus werden – eine Institution, die den Anspruch Frankreichs als wichtigstes Filmland Europas verkörpert.

Der selbstbewußte Radau, den die Franzosen im Zusammenhang mit dem Gatt um ihre Filmindustrie machen, ist nicht ganz grundlos. Immerhin produziert Frankreich heute mehr Filme als jedes andere Land Europas: doppelt soviel wie Deutschland oder Spanien, dreimal soviel wie Großbritannien. Immerhin gehen die Franzosen öfter ins Kino als ihre Nachbarn – letztes Jahr im Schnitt 2,lmal (Spanien: 2,0; Deutschland und England: 1,7; Italien: 1,5). Immerhin hat Frankreich die meisten Kinosäle (1992: 4402 – gegenüber 3258 in Deutschland, 3100 in Italien, 1806 in Spanien, 1770 im Vereinigten Königreich). Immerhin gibt es eine vom einstigen linken Kulturminister Jack Lang wesentlich geprägte und von seinem rechten Nachfolger Toubon fraglos fortgeführte Filmförderungspolitik, die sämtliche Aspekte des kinematographischen Schaffens umfaßt – bis hin zu dem berühmten "Plan Nitrate", der es den staatlichen Archives du Film und der Cinematheque Française erlaubte, in den vergangenen drei Jahren 2,5 Millionen Meter Zelluloid zu "retten". Das Trägermaterial der Anfangsjahre, die Nitrozellulose, ist nämlich feuergefährlich und zerfällt. Von manchen Kino-Kunstwerken existieren nur noch Krümel. Deswegen versucht man, möglichst viele alte Filme auf Azetat umzukopieren (obwohl auch das nicht ewig hält und überdies die Farben blasser werden).

Daß Frankreich die Filmgeschichte so intensiv pflegt, hat einen einfachen Grund: Hier fing sie an. Am 19. März 1895 drehten in Lyon die Brüder mit dem sinnigen Namen Lumière zum ersten Mal an der Kurbel ihres Kinematographen. Am 28. Dezember desselben Jahres führten sie im Pariser "Grand Café" das Resultat zahlenden Zuschauern vor. In der Lyoner Straße befindet sich das kleine, feine, von Bertrand Tavernier präsidierte Institut Lumière, eine Villa aus dem 19. Jahrhundert, die ein Museum mit allerlei Originalgerätschaften sowie eine üppige Photo- und Plakatsammlung beherbergt. Hier werden die bevorstehenden Hundertjahrfeiern beginnen, und dann wohl in einen allgemeinen und landesweiten Kinojubiläumstaumel ausarten: Außer der Erfindung von Auguste und Louis Jean Lumière gibt es in dichter Folge die ersten Streifen des großen Trickfilmpioniers Georges Méliès, die Gründung der weltbekannten Firmen Gaumont und Pathé sowie die hundertsten Geburtstage Jean Renoirs und Marcel Pagnols zu feiern.

Nachdem Jack Lang mit seinem fabelhaften Hang, aus jeder Facette des Kulturlebens ein Volksfest zu machen, bereits eine jährliche "Fête du Cinéma" (drei Tage lang Kinokarten zu drei Mark) kreierte, die im nächsten Juni zum zehnten Mal begangen wird, darf man sich die 1995 fällige Jahrhundert-Fête nicht zu bescheiden vorstellen. Seit einem Jahr arbeitet eine vom Kulturminister eingesetzte Association Premier siècle du Cinéma unter dem Vorsitz von Michel Piccoli und Costa-Gavras am Programm. Einer der Schwerpunkte wird die Wiedereröffnung des umgestalteten Palais de Tokyo sein, das dann auf 22 000 Quadratmetern die Filmhochschule FEMIS, das von Jean-Luc Godard geleitete Experimentalstudio "Periphéria", die Cinematheque Française, das nationale Filmarchiv sowie verschiedene Ausstellungsflächen mit Restaurant und Cafeteria vereint.

Die historische Salle 1937 bekommt dabei eine besondere Bestimmung: Dort wird ein Kino (150 Plätze) eingerichtet, das die größten Klassiker der Filmgeschichte vorführt. So entsteht gleichsam ein permanentes "CinéMémoire": Das ist der Name des Festivals alter Filme, das in Paris gerade zum dritten Mal stattfand. CinéMémoire ist eins von rund 200 Filmfestivals, die in Frankreich veranstaltet werden. Angefangen mit der Welt wichtigstem, dem Festival de Cannes, bis zu der Welt gräßlichstem, dem Festival des Horrorfilms (neuerdings vornehm als "film fantastique" bezeichnet) im Alpenstädtchen Avoriaz, zeigt schon die schiere Quantität an, welche Rolle das Kino im öffentlichen Leben (und für die öffentliche Hand) spielt.