Gefolgschaften

Der Nachwuchs ist auch nicht mehr das, was er mal war. Der Pep, der Biß, der Megadrive, das Energisch-Zupackende fehlt den Jungen, der "journalistische Zugriff", wie man bei uns in Hamburg sagt. Porsche fahren, mit Bernd Eichinger um die Welt düsen, sich mit Michael Jackson auf Rosen betten, ja, das können sie, aber hart am Mann recherchieren, dafür fehlt ihnen der Mumm. Wie erfreulich deshalb, wenn wir hier von einem Buchobjekt berichten können, das die Tugenden des investigative joumalism noch hochhält: Der Superprachtbildband "Richard von Weizsäcker" ("Format 24x33 cm, 98,– DM, zzgl. Versandanteil") von Helmut R. Schulze. "Nie zuvor", wird hier versprochen, "nie zuvor ist ein Journalist einem deutschen Präsidenten so nahe gekommen." Zu Recht nennt sich Schulze Weizsäckers "treuester Gefolgsmann". Überall war er dabei, immer hat er knallhart recherchiert, und wir dürfen mit: "Begleiten Sie den Bundespräsidenten von Weizsäcker in Paläste und Elendsbehausungen, in Universitäten und Sportarenen." Damit wir dieses Schulbeispiel hautnaher Reportage vom "gemeinsamen Bergsteigen, Wandern und Skilaufen" auch recht verstehen, werden die "einmaligen, zum großen Teil noch nie veröffentlichten Fotos aus dem Privat- und Dienstleben des Bundespräsidenten" in "begleitenden Texten von Ludwig Harms und einem Editorial von Dr. Jürgen Busche" schlüssig gedeutet. Jetzt sind weitere Gefolgsmänner für weitere mutige Taten gefordert: Schön wäre ein "Dämmerschoppen bei Helmut Kohl. Ein Vier-Augen-Gespräch mit Heinz Klaus Mertes" oder "Möllemann ohne Schnauzer. Beispiellose Enthüllungen von Alice Schwarzer" oder "Besinnliches Adventliederabsingen bei Familie Heitmann. Einführende Gedanken von Friedrich Karl Fromme". Das sind die Bücher, die wir in diesen politikverdrossenen Zeiten brauchen, die schenkt der Chefredakteur seinem Hospitanten, der sich über gar nichts mehr wundert.

Im Bunde der Dritte

Jemanden einen Mitarbeiter zu nennen ist mittlerweile riskant, vor allem, wenn es um eine Institution geht, die in Österreich immer noch Atelier, bei uns zulande hingegen prosaisch Büro genannt wird. Mitarbeiter eines Architekturbüros (oder -ateliers) ist, natürlich, auch ein Technischer Zeichner, eine Sekretärin und der Pförtner auch. Deshalb diese Präzisierung: Der Architekt Eberhard E. Kleffner war nicht bloß, wie bei uns geschrieben (ZEIT Nr. 48), Mitarbeiter, sondern einer der drei gleichberechtigten Partner jenes Architekturbüros, das mit der Stadtbücherei Münster in Westfalen soeben große Aufmerksamkeit erregt hat. Und so haben auch alle drei beim gepriesenen Technologiehof wie beim Lamberti-Gemeindezentrum zusammengearbeitet: Julia Bolles-Wilson, Peter Wilson und Eberhard E. Kleffner. Der Dritte hat unterdessen ein eigenes Büro gegründet.

Helmut Salzinger

Als Helmut Salzinger 1966 für die ZEIT zu schreiben begann, nach einem Literaturstudium und einer Promotion über Eugen Gottlob Winkler und mit einem Frust, der ein Signum der Epoche war, lag etwas in der Luft. Es hieß abwechselnd Beat, Subkultur, Underground, und Salzinger erkannte darin sein Ding. Vier Jahre lang spielte er in der ZEIT den Dolmetsch der alternativen Szene, dann wurde er es leid, weiter den bürgerlichen Kulturbetrieb zu bedienen. Konsequenter als viele andere stieg er tatsächlich und aus freiem Entschluß aus: Er retirierte auf ein von ihm "Head Farm" getauftes Bauernhaus in einem Moordorf an der Nordsee, um sich ganz der Musik und der Bewußtseinserweiterung hinzugeben. In der Buchmontage "Rock Power" (1972), die er damals in Angriff nahm, und als Kolumnist der Zeitschrift Sounds (unter dem Pseudonym Jonas Überohr) war er wahrscheinlich am dichtesten bei seiner Sache und sich selber. Mit den Jahren verschoben sich seine Interessen, und in seinem verwildernden Garten grübelte er nun viel über einen Friedensschluß des Menschen mit der Natur nach, aber seinen Frieden mit dem, was einmal "die herrschenden Verhältnisse" hieß, schloß er nie. Seit langem zuckerkrank, starb er jetzt, siebenundfünfzig Jahre alt, in seinem selbstgewählten Exil.