Von Christian Wernicke

Bogotá

Ein Dutzend Soldaten umstellt das Grab. Junge, ernste Gesichter blicken in das Dunkel der Nacht, die Maschinenpistolen zielen ins Ungewisse. Ein Staat bewacht eine Leiche, den zerschossenen Körper von Pablo Emilio Escobar Gaviria. Daß der 44jährige Drogenterrorist seit 32 Stunden tot ist, weiß jeder im Land. Das Photo des gefürchteten Chefs des Kartells von Medellín, die Fingerabdrücke seiner erkalteten Hände prangen auf den Titelseiten der Zeitungen und flimmern über den Bildschirm. Aber hier auf dem Friedhof von Montesacro scheint es, als könnte der Staatsfeind Nummer eins jeden Moment wieder auferstehen.

"Viva Pablo", hatte Stunden zuvor ein weißhaariger Greis immer wieder in den Himmel gebrüllt. Für die Welt mochte da ein skrupelloser Mörder und Mafia-Boß zu Grabe getragen werden; für ihn ging ein Wohltäter dahin, der in Medellín Armensiedlungen gebaut, Schulen errichtet und Fußballspieler gekauft hatte. Die hysterische Menge versuchte, den glänzenden Zinksarg wenigstens mit den Fingerspitzen zu berühren. Die Soldaten gaben dem Drängen der Masse nach und ließen den Trauerzug stoppen. Endlich lag dann Pablo Escobar doch unter der Erde – und hinterließ noch auf seinem letzten Gang Verwüstungen in Gärten und auf Gräbern.

Das offizielle Kolumbien feierte unterdessen seinen Sieg über Escobar. "Wir haben der Welt bewiesen, daß der kolumbianische Staat stärker ist als jede kriminelle Vereinigung", verkündete Präsident César Gaviria Trujillo voller Stolz. Das Kokain-Kartell von Medellín hat dem Andenstaat ein ruchloses Image von Gewalt und Terror beschert; jetzt bejubelten die meisten "den Anfang vom Ende" der Drogenmafia. Und der amerikanische Präsident Bill Clinton, dessen Bürger das weiße Gold schnupfen, gratulierte als einer der ersten.

Doch die Kolumbianer haben allenfalls eine wichtige Schlacht gewonnen. Der Krieg gegen die Drogenbarone, der nach Schätzungen eines Regierungsbeamten seit Mitte der achtziger Jahre mindestens eintausend Zivilisten und fünfhundert Polizisten und Soldaten das Leben kostete, wird wohl noch Jahre fortdauern. Das räumte auch Präsident Gaviria ein, der schon am Donnerstag vergangener Woche, nur drei Stunden nach dem Tod Escobars, vor übereiltem Triumph warnte: "Vor uns liegt noch ein langer Weg."

Schließlich hatte es 498 Tage gedauert, bis die 3000 Mann starke Sondereinheit von Polizei und Armee den Kartellchef am 2. Dezember stellen konnte. Im Juli vergangenen Jahres war es Escobar gelungen, aus seinem luxuriösen Privatgefängnis zu fliehen. Über fünf Millionen Dollar waren auf den Kopf des Milliardärs ausgesetzt worden; doch den Sicherheitskräften ging Escobar mehr durch eigene Dummheit als durch ausgeklügelte Fahndungsstrategie ins Netz.