Von Heinz Josef Herbort

Wo erleben wir das heute noch: Da hat nach den obligaten Freundlichkeiten der Begrüßung der Hausherr von dem fünfundsiebzig Jahre dauernden Traum gesprochen, der nun zur Wirklichkeit wurde, von der nicht erlahmenden menschlichen Kreativität, von dem wachen Geist des Volkes und dem Land, das eine Zukunft hat, weil es eine Kultur hat – da plötzlich, mitten in einem Satz, grummelt im Schlagzeug ein Paukenwirbel, beginnt eine melodische Linie, ein Akkord, und der Generalintendant, der Bariton Walton Grönroos, setzt seine Ansprache singend fort: "Jetzt geht es los. Es hat schon angefangen! Das Haus erklingt! Singt, tanzt, spielt, es spielt!"

Er singt von der "Aufgabe": "Wir haben eine Botschaft!"; singt pathetisch von dem Miteinander: "Jeder Musiker ist eine Frage, jeder Zuhörer eine Antwort"; vom Sinn jeden Spiels auf der Bühne: "So scheint hinter der Grimasse des Lebens, hinterm bodenlosen Elend unverrückbar die tiefe und ernste Bedeutung unseres Daseins durch"; steigert sich ins expressionistisch-kryptisch Visionäre: "... befindet sich mitten unter uns etwas, das wir niemals besitzen können, worin wir nichts besitzen können, aber das immer als Möglichkeit tief in uns existiert wie eine ferne Erinnerung. Wie morgen die Dämmerung. Wie ein Traum. So wahr." Komponiert hat diese hymnische Kantate Ilkka Kuusisto – und der war vor Walton Grönroos Intendant der Finnischen Nationaloper (Text: Lassi Nummi).

Zur gleichen Zeit, da in Deutschland Theater und Bibliotheken geschlossen, Orchester zusammengelegt, Kulturetats zusammengestrichen werden, wird in Helsinki zum ersten Mal ein "richtiges" Opernhaus eröffnet – in einem Staat, in dem knapp sechzehn Menschen einen Quadratkilometer bewohnen (Europäische Union: 151), wobei im Einzugsgebiet der Hauptstadt allein mehr als ein Viertel von ihnen lebt; in dem der Durchschnittsverdienst zwar bei umgerechnet 3000 Mark liegt, aber fast jeder Fünfte arbeitslos ist; wo für Erziehung und Kultur zwar siebzehn Prozent des Staatshaushaltes ausgegeben werden, aber die Staatsverschuldung 63,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts ausmacht – ein Opernhaus wiederum, dessen Bau umgerechnet 230 Millionen Mark kostete, dessen Etat für 1994 umgerechnet 54 Millionen beträgt, wozu der Staat 74 Prozent, die Stadt Helsinki samt ihren Randgemeinden (Espoo, Vantaa, Kauniainen) zehn und Sponsoren, vor allem eine große Versicherungsgesellschaft, weitere sechs Prozent zuschießen.

Kein Wunder, daß es auch in Finnland in der letzten Zeit hoch her ging in den Diskussionen darüber, ob und wie lange man sich ein so teures und "elitäres" Spielzeug leisten könne. Kein Wunder allerdings auch, daß heute denn doch der Stolz überwiegt: "Wir sind zum ersten Mal in unserer Geschichte in der Lage, uns ein akustisch wie optisch richtiges Bild zu verschaffen von einer Kunstgattung, die inzwischen fast vierhundert Jahre alt ist." Das Opernhaus als nationales Identifikationsobjekt, als Chiffre für ein vielleicht nicht allgemeines, aber doch weit gefächertes und in alle Schichten reichendes Kulturbewußtsein; die Eröffnung als ein nationales Ereignis nicht nur für die Upper ten (wenn auch die bis auf das Sechsfache erhöhten Eintrittspreise für eine relativ einfache Auslese sorgten, wobei freilich festgestellt sein darf, daß auch die VIPs in diesem Fall einer so splendiden Isolation für ihr Tickett selber berappen durften).

Das neue Opernhaus bildet gewissermaßen den Endpunkt von Helsinkis allmählich entstehender "Kulturmeile" entlang der Mannerheimstraße am Ufer der zauberhaften Töölö-Bucht: zunächst Alvar Aaltos Finlandia-Halle mit ihren beiden Konzertsälen, gegenüber, auf der anderen Seite der Bucht, das Stadttheater, seit letzter Woche schließlich, als Spitze eines Dreiecks, die neue Nationaloper. Die Meile wird freilich in Kürze schon zum Stadtzentrum hin erweitert werden: Wo jetzt noch Eisenbahngleise und Schuppen veröden, soll sehr schnell die neue Finnische Nationalgalerie entstehen, für die der Amerikaner Steven Holl den Wettbewerb gewann – ihre Fertigstellung ist für Mai 1997 in Aussicht genommen.

"Ouvertüre" heißt ein Ensemble von Pyramiden, Quadern und Stelen aus heimischem Granit vor dem Haupteingang, und als am letzten Tag der Eröffnungswoche der Schnee so ziemlich wegtaute, konnte man sogar die symbolischen Segmente und Ausschnitte einer "Drehbühne" im Pflaster auf dem Vorplatz erkennen. Diese "Kunst am Bau" läuft freilich Gefahr, in ihrer Schlichtheit nur zu wenig beachtet zu werden. Wie denn auch das Haus selber nicht jeder sofort für ein Theater halten wird: Die unverschnörkelte Rechtwinkligkeit der gestaffelten Kuben und die hochaufragenden, oben gewölbten Glasfassaden vermitteln leicht den Eindruck von Werks- und Lagerhallen. Erst vom gegenüberliegenden Ufer der Töölö-Bucht aus läßt sich erkennen, warum die Archi-Bucht Eero Hyvämäki, Jukka Karhunen und Risto Parkkinen die Silhouette als "Scalapuikko" bezeichneten, als Scala-Taktstock, wobei sie zum einen diese "finnische" Nationaloper in eine Beziehung setzen wollten zur "italienischen" (mailändischen) und damit zur Oper schlechthin, zum anderen meinten, diese Silhouette erhebe sich in ebenso wie eine Scala, eine Tonleiter, und steige ebenso wieder hinab.