Von Wolf Biermann

Literaturpreise, verehrte Damen und Herren, können lebensgefährlich sein. Bei Michel de Montaigne fand ich die Nachricht, daß der unsterbliche Sophokles in Athen vor lauter Freude über einen ersten Preis für sein neuestes Drama tot umfiel. Ein erster Preis soll auch den Tyrannen Dionysos ereilt haben. Das war offenbar ungesund für den mächtigen Mann: Er verendete, so wird berichtet, an den Genüssen eines Sauf-, Freß- und Liebesgelages, das er zu Ehren seiner Ehrung ausgerichtet hatte.

Mich können solche trübsinnigen Legenden nicht schrecken. Im Abkassieren von Literaturpreisen haben wir mehr Übung als die alten Griechen. Es gibt in unserem reichen Land eben mehr große Dichterpreise als große Dichter. Es gibt hier weder Riesen vom Range eines Sophokles, noch erobern Schriftsteller in Deutschland weltliche Macht wie der dilettierende Tyrann.

Im Schrebergarten Germania stehn wir Zwerge mit Eimerchen und Schaufel an der Rosenrabatte und sind – wenn’s hochkommt – Riesen an kleinkariertem Neid, wir sind Monster der großmütigen Mißgunst und sind gigantische Mucker, die in den Medien geräuschvoll leben.

Unser Sophokles heißt Heiner Müller, und unser Perikles ist Helmut Kohl. Der athenische Staatsmann gewann den Peloponnesischen, der Oggersheimer den Kalten Krieg. Anaxagoras, der philosophische Sturmvogel der Vernunft, war die Vorhut, wir haben heute Habermas, er ist die Nachhut der Aufklärung. Vom siegestrunkenen Sängerpoeten, dem großen Pindar, sind wir heruntergekommen auf mich, den Sänger der großen Niederlagen.

Was soll ich lange griechisch drumrumreden, also sag’ ich es Ihnen gradheraus: Es freut mein Herz, daß ich heute bei Ihnen in Düsseldorf sein darf. Diese Stadt ist mindestens so berühmt wie New York oder Venedig oder Paris. In welches Land ich auch immer kam, man kennt und achtet das Dorf an der Düssel als eine Weltstadt, und das hat einen Hauptgrund: Heinrich Heine wurde hier geboren. Darum ist es gerecht und schön, daß die Stadt mit dem Heine-Preis sich ihres größten Sohnes rühmt.

Mich freut die Ehre, und mich freut das Geld. Schade nur, daß man nicht mit einer Zeitdilatationsmaschine, rückwärts in die Vergangenheit, eine Banküberweisung ausstellen kann: 25 000 Deutschmark, umgerechnet in Francs von 1848, für den ewig klammen Dichter und seine verschwenderische, lebenslustige Frau Mathilde.