Die Chaosforschung beginnt, ihren Nimbus zu verlieren – kommt jetzt die Komplexitätstheorie? Diesen Eindruck gewinnt jedenfalls, wer Roger Lewins neuestes Buch zur Hand nimmt. Als eine der "bedeutsamsten wissenschaftlichen Umwälzungen der letzten zwei Jahrzehnte" wird da die Komplexitätstheorie angepriesen, die laut Klappentext da beginnt, "wo die Chaosforschung endet". Dabei geht es um komplexe Systeme wie das Auge, die Börse oder ökologische Netze, um Strukturen also, die Muster aufweisen, die man nur am ganzen System erkennen kann und nicht an seinen Teilen. Wie universell sind diese Prinzipien? Verläuft die Evolution nach Mustern, die auch in anderen komplexen Prozessen auftreten? Sind wir Menschen reine Zufallsprodukte oder zwangsläufig entstandene Wesen? Das sind einige der Themen, mit denen sich die Komplexitätstheorie beschäftigt. Dabei geht es auch darum, das Methodenarsenal der "harten" Naturwissenschaften für die "weicheren" Disziplinen nutzbar zu machen – eine "Physik der Biologie" zu finden, wie es einer der Protagonisten formuliert. Im Augenblick stellt freilich der Name "Komplexitätstheorie" eher ein Versprechen dar; das Gebiet befindet sich noch im Frühstadium der Entwicklung, von einer Theorie im üblichen Sinn kann nicht die Rede sein.

Zwei Jahre lang ist Roger Lewin, Wissenschaftsredakteur der Zeitschrift Science, um die halbe Welt gereist und hat Komplexitätsexperten der verschiedensten Fachrichtungen befragt – mehr oder weniger bekannte, mehr oder weniger eitle, mehr oder weniger prosaische. Biologen, Physiker und andere – die Vielzahl der Fachgebiete spiegelt sich in der Fülle der Fragen, Ideen und Themen, die in den neun Kapiteln des Buches zur Sprache kommen. Entsprechend ihrem Stellenwert in der Komplexitätsdebatte werden eingehend Computersimulationen behandelt, etwa "Daisyworld", eine künstliche Welt, in der sich Leben in einem gewissen Maße selbst die besten Bedingungen für sein Überleben schafft.

Der Originaltitel "Complexity. Life at the Edge of Chaos" zeigt dabei besser, um was es dem Autor geht, als der deutsche Titel. Die Nachempfindung "Wissenschaft nach der Chaosforschung" hat einen falschen Zungenschlag – und erst recht der Klappentext (siehe oben), der schlicht Marktschreierei ist. Komplexitäts- und Chaostheorie differieren zwar zum Teil in der Fragestellung und der Wahl der untersuchten Systeme, überlappen sich aber sehr weitgehend in ihren Methoden. Die teilweise diffizile Unterscheidung zwischen den beiden Disziplinen treibt selbst Wissenschaftler zu blumigen Äußerungen: "Chaos und Komplexität jagen einander im Kreis und versuchen herauszufinden, ob sie gleich oder verschieden sind."

Die größte Herausforderung für die Komplexitätstheorie stellt nach Lewins Ansicht das Bewußtsein dar. Tatsächlich ist dieses "Phänomen voll schillernder Eigenschaften" ein Paradebeispiel für eine "emergente" Eigenschaft – das heißt eine Eigenschaft einer komplexen Struktur (Gehirn), die allein aus der Kenntnis der weniger komplexen Konstituenten (Neuronen) nicht vorhergesagt werden kann. Emergenz gilt als ein zentraler Ausdruck der Komplexitätstheorie; aber als leidenschaftlicher Reisender liefert Lewin von diesem und anderen Begriffen nicht einfach eine knappe Definition ab – er bewegt sich förmlich um die Worte herum, beleuchtet verschiedene Bedeutungsebenen, stellt immer wieder verschiedene Aspekte dar, der Weg ist sein Ziel.

Insgesamt entsteht so eine sehr lebendige Darstellung; dieser Eindruck wird noch verstärkt dadurch, daß Lewin auch durchaus gegensätzliche Auffassungen zu Wort kommen läßt. So stellt er etwa ausführlich die Forschungsergebnisse einer Arbeitsgruppe aus den USA dar, zitiert aber auch andere Wissenschaftler, die diese Ergebnisse für "mathematisch interessant, aber biologisch trivial" halten und im übrigen behaupten, diese Gruppe bestehe aus "hochbegabten Leuten, aber ihre größte Begabung scheint die Fähigkeit zu Übertreibungen zu sein".

Auf diese Weise wird man beim Lesen in die laufende Auseinandersetzung verwickelt und ist gezwungen, sich, wenn nicht eine Meinung zu bilden, so doch eigene Gedanken zu machen. Einmal allerdings versagt die Lewinsche Hebammenmethode, und zwar bei der Einführung des vom Autor selbst als Modebegriff titulierten "Rand des Chaos" und seines Zusammenhangs mit dem "universellen Computer". Das ist alles schlicht unverständlich beschrieben. Lewin scheint das bewußt zu sein; jedenfalls verweist er entschuldigend auf Originalliteratur, denn "auf dem populärwissenschaftlichen Sektor gibt es noch nichts Vergleichbares". Für den Autor eines Buches mit Anspruch auf Allgemeinverständlichkeit eine verblüffende Feststellung; um so mehr, als Lewin ein alter Hase ist: Der promovierte Biochemiker und Wissenschaftsredakteur ist auch Autor mehrerer populärwissenschaftlicher Bücher.

Andererseits mag es wohl zuweilen auch schwer gewesen sein, präzise Auskünfte zu erhalten – selbst bei gutem Willen aller Beteiligten: "Jim besitzt ausgesprochen intuitive Einsichten auf diesem Gebiet, erklärt aber immer wieder, daß sie andern häufig schwer zu vermitteln sind." Daß auch Wissenschaftler sich ab und zu mehr von ihren Wunschvorstellungen als von Fakten leiten lassen, dokumentieren Aussagen wie "Das ist so zwingend, es muß einfach richtig sein" oder "Es erscheint plausibel, aber wir konnten es mit unseren Daten nicht belegen".