Kirchen möchten es im Winter manchmal so warm haben wie Museen, und wenn ein Obdachloser zufällig eine findet, die gerade offen hat, und sie nur zum Austreten, Waschen und Hinlegen benutzen will? Er wird sich dann unter eine Bank legen, weil er sie als Dach gewohnt ist. Ob er sich vielleicht wie ein Dieb vorkommt, der allem, was da erhaben und feierlich auf ihn herabsieht, die Schau stiehlt?

So weit ist beinahe einer gegangen, hat sich unter einer Bank verdrückt, ist auf dem Rücken liegengeblieben und hat seine Hände gefaltet. Aber das machen viele ja auch vor Zufriedenheit im Bett. Hätte er sich denn nicht ein Gebet einfallen lassen sollen? Aber das Vaterunser ging ihm zu weit, und er stellte sich Gottes Sohn vor wie beim Religionsunterricht vor vierzig Jahren.

Dabei wurde er von dem Pastor gestört, der seine Hand unter die Bank streckte, um ihn herauszuziehen. Der Obdachlose mußte sich doch erst auspellen und krabbelte schließlich von allein unter der Bank hervor. Der Pastor hatte so ein abwartendes Lächeln. Während der Obdachlose seine beiden Plastiktüten wieder proppenvoll machte, roch es säuerlich. Das Lächeln blieb aber auf dem abgewandten Gesicht des Pastors, der eine der Tüten zur Tür trug. Mit dem gleichen Lächeln hielt er dem Obdachlosen einen Zwanzigmarkschein hin und senkte den Kopf.

Weil es auch noch regnen mußte, setzte sich der Obdachlose unter einen Mauervorsprung vor der Tür. Es war noch hell: Er schlief immer, solange es hell blieb, denn im Dunkeln hatte man ihm schon zu oft die Decke weggezogen, um nachzusehen, wer darunter ist. Durch das ganze Hin und Her war ihm warm geworden, und er legte seine Mütze vor sich hin. Ob sich die Leute, die vorbeikamen, einbildeten, daß da jemand bettelt?

Der Obdachlose setzte sich gegenüber der Kirche auf die andere Straßenseite. Wollte er sich einbilden, daß die Kirchentür sich plötzlich von selber öffnet, um dann zu flüstern: "Mein Gott"?