Wer kennt sie nicht, meine Freunde Paul und Helene. Nicht mehr ganz jung das Paar, nicht mehr ganz frisch die Liebe. Abends, wenn sich Paul und Helene auf ihrer stilistisch einwandfreien Couch trafen und beim Video die Kollegen durchhechelten, erwähnten sie gelegentlich, wie schön es wäre, das schöne Leben mit einem kleinen Wesen zu teilen. Jemand, der einem abends freudig entgegenspringt, sinnierte Helene. Paul stellte sich vor, wie seine Hand durch seidiges Haar streichen würde. Er hatte an eine Katze gedacht. Helene plädierte für einen Hund. Um eine Entscheidung herbeizuführen, wandten sie sich an die junge Familie gegenüber. Sie würde das Wesen ja gelegentlich in Pflege nehmen müssen. Die junge Familie sagte: "Was ihr braucht, ist ein Kind!"

Ich traf Helene im Supermarkt. Genaugenommen, traf ich ihren Einkaufswagen, hart, von der Seite, als ich um eine Ecke bog. "Vorsicht!" gellte eine Frauenstimme. Ihre Augen hatten diesen Glanz. Die Wangen waren bleich und ungeschminkt. Mama Grunge. Es kleidete sie. Ihre Arme umklammerten einen Berg von Pasta, Mozzarella, Öltüchern, was man so braucht. Im Einkaufswagen, vielversprechend wie das Angebot der Woche, ein Säugling. Er wachte auf, als eine der Tüten riß und ihn erst die Tomaten und dann die Spaghetti überrollten. "Wie geht es dir?" schrie ich. Während der Rest der Kolonialwaren rechts und links von ihr auf den Boden rutschten und sie das schreiende Kind aus dem Einkaufswagen zerrte, las ich ein Wort von ihren Lippen: "Wunderbar"?

Zwei Jahre später, der gleiche Einkaufswagen, das gleiche Baby. "Leg das wieder hin!" gellte eine Frauenstimme. – "Wie geht es dir?" rief ich. – "Laß das los", schrie sie. Er stand vor ihr und war etwa kniehoch. Seine Augen glitzerten vor Wut. Sie wollte mir etwas sagen, als er davonstürmte und hinter dem Metzgertresen im Kühlraum verschwand. Während sie ihm nachhechtete, begann das Baby im Einkaufswagen zu wimmern.

Neulich war ich bei ihnen eingeladen. Helene war wieder mehr sie selber, mit einem Hauch von Paloma Picasso. Paul hatte deutlich zugelegt. "Abends", sagte Helene, "versuche ich jetzt wieder zu lesen." Paul, dem Olivers Blähphase den Rücken ruiniert hatte ("Rumtragen bis um drei!") wollte gerade in sein AOK-Rehaprogramm einsteigen, als die Tür aufflog. "Ich hatte das zuerst!" schrie Oliver. – "Meins!" gellte Nikolas und stellte ihm geschickt ein Bein. Als Oliver zu Boden ging, nahm er das Ileen-Gray-Tischchen mit. Paul, der schnell hatte zupacken wollen, jaulte auf und fiel verrenkt um. Helene hob ihre Pumps konzentriert aus dem Cabernet Sauvignon und brachte die Kinder wieder raus. "Eigentlich lieben sie sich", sagte sie, lächelnd. Dann brach es aus ihnen raus.

"Morgens um halb zehn ist er von der Schule zurück", sagte sie, "und dann aber Programm!" – "Jeden Abend aufs Hochbett rauf, am Seil wieder runter, Pirat spielen von Nach-Sesi bis acht", wimmerte er, "mit vierzig!" Helene, verzweifelt: "Man kann sie ja nicht einfach rauslassen." Paul: "Ziehdich-an-geh-aufs-Klo-nimm-den-Finger-aus-der- Butter-hört-auf-euch-zu-schlagen – alles vor acht!" Helene, erstickt: "Manchmal schlägt er mich auch." Es entstand eine Pause mit Schluchzgeräuschen. Dann wies Paul stumm mit dem Kinn nach draußen. An der Litfaßsäule hing ein Plakat. "Vati, spiel mit mir", stand da. Ein Mädchen, ein Junge, Großformat, triumphierender Blick.

"Ich glaube, die haben sich organisiert", flüsterte Paul. Das hänge jetzt überall, Auflage 55 000, bundesweit. Das Ergebnis einer Umfrage über Kindersorgen. Und, falsetto voll Panik: 51 Prozent der Kinder hätten über das Gefühl geklagt, den Eltern oft auf die Nerven zu gehen!

"Aber, aber", raunte Helene und strich ihm durchs Haar. "Sie merken es doch wenigstens..."