RTL 2, Samstag, 18. Dezember, Sonntag 19. Dezember, Montag, 20. Dezember, jeweils 22 Uhr: "Wild Palms" von Oliver Stone

Harmlos wie bei Raymond Chandler beginnt die Geschichte. Harry Wyckoff, erfolgreicher Anwalt (2 Autos, 1 Frau, 2 Kinder, leider erst 1 Haus), bekommt Besuch von seiner Jugendfreundin. Er soll ihren verschwundenen Sohn finden. Harry, dem zum vollkommenen Glück nur noch das Haus am Strand fehlt, gerät plötzlich die Welt aus den Fugen: In aller Öffentlichkeit werden Menschen zusammengeschlagen und verschleppt, ohne daß sich jemand darum kümmert; Wyckoffs Tochter weigert sich zu sprechen; sein Sohn wird gewalttätig; er selber leidet unter Alpträumen. Und immer wieder entdeckt Harry bei Fremden diese seltsamen Zinken an der Daumenwurzel, eine wehende Palme.

Aber das ist erst der Anfang einer beinah undurchdringlich verzweigten Telenovela. Vom Soundtrack spielen die Rolling Stones "Gimmie Shelter", und auf seinem weitläufigen Landsitz erklärt Senator Anton Kreutzer, daß er sich um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten bewerben werde. Dieser Kreutzer, eine theatralische Mischung aus Ronald Reagan und L. Ron Hubbard, ist ein vielseitiger Mogul: Chef der "Väter", gegen die die terroristischen "Freunde" operieren; Herr über das Zukunftsfernsehen WPN, das seine Seifenopern als holographisches Bild ins Wohnzimmer ausstrahlt; und schließlich Oberhaupt einer "Kirche des neuen Realismus", die so heißt, weil sie zwar realistisch ist, aber die Wirklichkeit in falsche Bilder verwandelt.

Das ist der Stoff, aus dem auch Wim Wenders gern seine Filme zapft. Oliver Stone, der "Wild Palms" produziert hat, kennt wenigstens so viel Wirklichkeit, daß er seine Kirchenneugründung nach dem Beispiel der Scientology-Sekte modelt. Hubbards "Dianetik" heißt bei Stone "Synthiotics" und führt mit Terror, Gehirnwäsche und Jüngerausbeutung ein ebenso strenges Regiment wie das berüchtigte Vorbild.

Kreutzers Kampf geht aber weiter; nach der Wahl, fürchten seine Gegner, "macht er uns zu Sklaven". Morgen schon soll ihm die ganze Welt gehören. Das gemeine Volk, das nicht wie die Hauptfiguren mit Eliot- und Whitman-Zitaten rascheln kann, soll durch einen gar nicht geheimen Verführer kirre gemacht werden: das Fernsehen. Wie das allerdings mit der läppischen Serie "Church Windows" (Kirchenfenster) gelingen soll, bleibt Stones kleines Geheimnis. "Kreutzer wird", so schwant den medienökologischen Postmännern, "das Land unserer Phantasie erobern, und wir werden in alle Ewigkeit von ihm träumen."

Geträumt hat Oliver Stone, und wie voriges Jahr in "JFK" kann er wieder eine gewaltige Verschwörung aufdecken: Jahrzehntelang hat der Senator die Kinder seiner Feinde, der "Freunde", verschleppen lassen, um sie im eigenen Lager umzuerziehen, damit sie sich endlich gegen ihre natürlichen Väter wenden. Niemandem ist mehr zu trauen; Verrat, wohin man schaut. Selbst Harry Wyckoffs Psychoanalytiker tratscht die geheimsten Regungen sofort an den großen Bruder weiter.

Im Stil der klassischen Seifenoper klärt sich ziemlich genau alle dreißig Minuten ein weiteres Verwandtschaftsverhältnis. Ständig tauchen neue Väter, Söhne, Frauen auf, bis nach viereinhalb Stunden Gesamtsendezeit der große amerikanische Familienroman fertiggeschrieben ist.