Hochverehrte, sehr geschätzte und liebe Frau Herlinde Koelbl: Mit welcher Rührung haben wir in diese gelebten Gesichter geschaut, die Sie 1989 für Ihre Galerie Jüdische Porträts" versammelten! Männer und Frauen, die das Ghetto überlebt hatten und die Vertreibung aus Deutschland, gezeichnet, muß man wohl sagen, von der Geschichte dieses Jahrhunderts. Nein wirklich, höchst ehrenwert und alles. Diese Hingabe, diese Aufmerksamkeit für jede Regung!

Aber da scheint eine dunkle Seite in Ihnen zu lohen, eine Art "Peeping Tom"-Syndrom, von dem der jüngste stern gar fein Zeugnis ablegt. Eine Pseudonyma (?) namens Irmgard Hochreither schreibt da "über die Kunst, sich hinzugeben", und Sie haben diese Kunst hingebungsvoll illustriert. Wieder haben wir uns in Ihre Gesichter vertieft: ausdrucksvoll, sinnlich (doch, doch!), auch ein wenig leidend. Gezeichnet nicht vom Leben oder der Geschichte, eher von der Liebe oder was man halt beim stein darunter versteht. In einer bemerkenswerten Serie, einem regelrecht geschichtsträchtigen Portfolio, bringen Sie den stern-Lesern die "acht Stufen auf dem Weg zum höchsten der Gefühle" nahe, portraitieren "eine 30jährige Frau beim Orgasmus". (Sagen Sie, ist das wirklich Hillary Clinton?)

Natürlich praktiziert der stern die Quotenregelung, deshalb darf man auf den folgenden Seiten einem unrasierten Kerl (nicht Schulte-Hillen, ach, und nicht Schmidt-Holtz!) zusehen und lesen: "Im Labyrinth der Wollust gibt es keinen gültigen Wegweiser zum großen Beben."

Aber sagen Sie, warum braucht der Typ nicht acht, sondern neun Bilder, bis er das schepse Grinsen aufsetzt, als hätte er grad sein erstes Weißbier verzecht? Und überhaupt: Wie haben Sie das gemacht, Frau Koelbl? Ganz allein mit Ihrer Kamera wie der Original-"Peeping Tom" Karlheinz Böhm? Schon wahr, die Zeiten sind hart. Bei jüdischen Portraits wird man bloß gelobt, für einen Doppelorgasmus anständig bezahlt. Die Sozialhilfe, das Wohngeld gekürzt, Weihnachten vor der Tür – ja, da muß man sich doch einfach hingeben.

Wie leben Sie? Was macht die Kunst? Die Kunst geht nach Brunst. Finis