VOX, Samstag, 11. Dezember: "Adieu für Alfred Edel"

Das "Original", ein Mensch mit Eigensinn und künstlerischen Fähigkeiten, der einer persönlich erreichbaren Öffentlichkeit vorführt, wie er die Dinge sieht, kommt gegen die elektronischen Medien nicht auf. Das Fernsehen hat die lokale Öffentlichkeit fast schon aufgelöst, und wer im Gespräch, im kleinen Kreise, auf Bühne oder Festplatz sein Milieu findet, bleibt eine provinzielle Erscheinung im abwertenden Sinn. Es sei denn, er macht sich nichts daraus, daß die Kamera eine persönliche Ausstrahlung wegfiltert wie die Ultrahocherhitzung den Milchgeschmack, und wirft sich mit all seiner Originalität dem medialen Erzfeind an den Hals. Zwar wird er im Film nie sein, was er auf den Brettern oder am Stammtisch ist, aber tant pis, er wird statt dessen berühmt.

Der Schauspieler Alfred Edel soll in Karl Valentin sein Vorbild gesehen haben – doch da er, Edel, im elektronischen Zeitalter lebte, mußte er sich mit der Kamera einlassen. Seine Talente aber waren denen Valentins verwandt und deshalb nicht durchweg kameratauglich: Er war ein Wahrheitssucher mit Mitteln des gedanklichen Mäanders, des absurden Witzes und der wundersamen Kunstpause. Von ihm wird vor allem gesagt, daß er zu sehr er selber war, als daß er sich einem Fach, einer Schule, einer Richtung zuordnen ließe. Jetzt ist er – zu früh, mit Anfang sechzig – gestorben, und Alexander Kluge hat ein filmisches "Adieu" für ihn geschnitten.

Da Edel gern und häufig mit Experimental- und Avantgardefilmern zusammengearbeitet hat, liegt eine große Menge Material vor, das nur gesichtet und geordnet zu werden brauchte. Kluge hat selbst richtiggehende Tiefeninterviews mit dem Original geführt und Trauerfeier und Begräbnis festgehalten – so hatte er Stoff genug für einen vollen Abschiedsfilm. Was die "Hundert Minuten Vielfalt" vor allem lieferten, war die Vorstellung, daß Edel, der mit seinen Sinnen dachte und davon überzeugt war, daß Sinne intelligent sind, sich im Medium Film, in dem es keine Tiefe gibt, immer nur ausschnittsweise darbieten konnte. Daß er im Grunde für die kleinere Öffentlichkeit der "Runden" und Milieus geschaffen war, die allmählich durch das Fernsehen zerfressen wird. Auf seine Art zeigte Edel, was wir durch den Siegeszug des TV verlieren: Männer wie ihn. Denn die Evolution mit ihrer Anpassungslust wird sie nicht mehr auf die Welt schicken.

Oder? Was Alfred Edel mit Alexander Kluge gemein hat, ist die wilde Entschlossenheit, Verluste wie diese ausgerechnet da zu verhandeln, wo sie entstehen: im Fernsehen. Geboren für Gedanken und Spiele ganz anderer Couleur, bestehen/bestanden beide darauf, ihre Ideen in jenem Massenmedium auszubreiten, das sie erdrücken, ersticken wird. Aber Prognosen dieser apodiktischen Art sind öfter schon mal nicht eingetroffen. Die Sendervielfalt dezentralisiert die Wirkung des Fernsehens, sie lockert den Zugriff auf Köpfe und Sinne. Da hätte dann die kleinere, erlesene Öffentlichkeit, die das Original braucht, Chancen, neu zu entstehen. In diesem Sinne wäre Alfred Edel, ganz wie in Kluges Film, wo er nach der Beisetzung plötzlich verjüngt und schwarzweiß (in einer Filmrolle) aus dem Grab klettert, doch nicht gestorben...

Barbara Sichtermann