Von Michael Thumann

Belgrad

Nachts um zwei wird die Tür eingetreten. Milizmänner in kugelsicheren Westen stürmen das Hotelzimmer, die Maschinenpistolen im Anschlag. "Razzia", brüllt der Truppführer dem erschrockenen Gast ins Ohr. "Ihren Ausweis!" Die Pistolenläufe glänzen im Schein der Nachttischlampe. "Ein Deutscher!" zischt der Anführer. Doch nicht Deutsche werden gesucht, sondern "Kriminelle". Die Eindringlinge verlassen den Raum, dann bricht im Nachbarzimmer die Tür aus dem Schloß.

Aktionen wie diese gehören zum Wahlkampf in Serbien. Präsident Slobodan Milošević will sich pünktlich zum Wahltag am 19. Dezember als Mann für Recht und Ordnung präsentieren. Deshalb geht er neuerdings gegen die vom Volk gehaßten Kriegsgewinnler vor. Viele der Mafiosi mit dunkler Sonnenbrille und knalliger Krawatte logieren in den besseren Belgrader Hotels. Davor parken ihre Mercedes-Limousinen, ergaunert durch den Schmuggel mit Benzin, Medikamenten und Waffen. Die Polizei nimmt sie fest, zumindest bis zum Wahltag bleiben sie in Haft.

Milošević erhofft sich Punktgewinne gegen seinen ärgsten Feind, den Führer der nationalistischen serbischen Radikalen, Vojislav Šešelj. Als im Herbst ihre Zusammenarbeit zerbrach, verloren die Sozialisten die Mehrheit. Deshalb läßt der Präsident jetzt die SkupšStina, das serbische Parlament, neu wählen. Die staatlichen Medien begeifern Šešelj als Monster – aus Furcht, denn schon bei den vorigen Wahlen wurden die Radikalen mit ihren chauvinistischen Parolen gleich hinter den Sozialisten zweitstärkste Partei. Milošević und seine Gefolgsleute gebärden sich daher mehr denn je als Wahrer der nationalen Interessen: "Wir haben fast alle unsere Ziele in Bosnien und in Kroatien erreicht", betont Mihailo Marković, der Chefdenker der Sozialisten, "wir haben den Krieg gewonnen."

Mag den Serben in der Krajina und in Bosnien die Alleinherrschaft über ihr "historisches Land" wie das Paradies vorkommen, für viele Serben in Belgrad wird das Leben immer mehr zur Hölle. Auf dem Grünen Markt abseits der einst mondänen Terazije-Straße sucht man vergeblich nach Siegern. Die Figuren erinnern vielmehr an die Milieu-Beschreibungen eines Ivo Andrić. Ein betrunkener Soldat hält an seinem schmutzigen Zeigefinger ein totes Ferkel hoch und grölt: "Dreißig Mark!" Auf den Erfolg seines Geschäfts warten schon die Schnapshändler nebenan, damit ihr Stammkunde wieder flüssig für den nächsten Tropfen ist. Ein Bettler schwimmt im Geld: Millionen Dinare quellen aus seinem speckigen Hut. Dennoch ist er ein armer Mann. Für die Waren auf den billigen Blechtischen des Marktes reicht es nicht. Da werden Milliarden oder gleich Deutsche Mark verlangt: für Teller, Bestecke, Bücher, Lampen, Bettwäsche, Bilder, Mäntel, Wolldecken. In diesem Winter verkaufen viele Belgrader ihren Hausstand, um etwas zu essen zu bekommen.

Mit Ausnahme von Brot kosten Lebensmittel ein Vermögen: ein Kilo Salz umgerechnet drei Mark, Äpfel acht Mark, ein Kilo Schweinefleisch mehr als zehn Mark. Ein Rentner bekommt kaum fünf Mark im Monat, ein Angestellter verdient etwa zwölf Mark, natürlich in Dinar ausbezahlt. Das Geld verfällt stündlich. Ein Belgrader hat seine Zimmerwände mit Dinaren beklebt und behauptet, sie seien billiger als Tapeten. Die Inflationsrate, schreibt die unabhängige Zeitung Borba, sei höher als in Deutschland 1923, der Dinar werde wohl bald durch Tauschhandel ersetzt. Serbien fällt in vorzivilisatorische Zeiten zurück.