Von Oliver Junker

In Berlin besetzten sie den "Soziologenturm", in Bonn das Uni-Hauptgebäude und in Köln die gesamte Fachhochschule – Tausende Studenten demonstrierten in der vergangenen Woche gegen die geplante Bildungsreform. "Das ist eine Bildungs-Deform", heißt es in einem Flugblatt. "Aus der Universität wird eine Lernfabrik."

Für Furore sorgt das Eckwertepapier, das im Juli zwölf Staatssekretäre des Bundes und der Länder ersannen. Mit dem Papier gaben sie die Marschrichtung für die Reform der Hochschulen "im Hinblick auf den sich verschärfenden weltweiten Wettbewerb" vor. Zwei Punkte sind besonders umstritten:

  • Die Regelstudienzeit soll demnächst auf neun Semester festgelegt werden; wer länger studiert, dem drohen Exmatrikulation oder Studiengebühren (bis zu 1000 Mark pro Semester wurden im Wissenschaftsrat diskutiert.)
  • An Universitäten soll künftig zwischen einem berufsqualifizierenden, praxisnahen Studium und der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses unterschieden werden. Daher will man die Zahl der Graduierten-Kollegs erhöhen.

Die Stoßrichtung ist klar: Abbau der Studentenzahlen, kürzeres, zweckorientiertes Studieren, Verschulung, Elitestudium für Graduierte – Reizwörter für viele Studenten. Am lautesten regte sich der Protest in Berlin und Nordrhein-Westfalen, denn dort sind die Wissenschaftspolitiker mit ihrem Vorhaben, die Studienordnung zu ändern, am weitesten gediehen. Aber ist dieser Protest berechtigt? Das Berliner Abgeordnetenhaus hat jetzt beschlossen, die Regelstudienzeit auf neun Semester festzulegen. Doch so leicht wird niemand Opfer einer Zwangsexmatrikulation. Wer in den neun Semestern sein Examen nicht schafft, muß das spätestens bis zum elften Semester in einem Beratungsgespräch mit einem Professor erklären. Und dem bleibt es überlassen, welche Gründe er gelten läßt. Eine niedrige Hürde. Hat sie der Student genommen, steht einem Langzeitstudium nichts mehr im Weg. Das heftige Wort Zwangsexmatrikulation verliert also bei genauem Hinsehen seine Bedrohlichkeit. Jeder dritte Berliner Student ist älter als dreißig, jeder vierte hat mehr als vierzehn Semester auf dem Buckel (Karteileichen mitgezählt) – die neue Regelung wird diese Zahlenverhältnisse nicht ändern.

Auch in punkto Studiengebühren ist man in Berlin moderat: Der Senat wollte sie einführen, aber das Abgeordnetenhaus lehnte ab. Inwieweit die Studiengänge künftig berufsorientierter und somit, wie befürchtet, verschulter organisiert werden, liegt weitgehend im Ermessen der Hochschulen, die mit der Planung gerade erst beginnen. Die Fächer der philosophischen Fakultäten etwa eignen sich dafür nur bedingt und werden kaum Gegenstand großer Veränderungen sein.

In Nordrhein-Westfalen tritt am 1. April eine neue Hochschulrechtsverordnung in Kraft: Es wird keine Studiengebühren geben, keine Zwangsexmatrikulation und auch nicht die Verpflichtung, ein Beratungsgespräch zu führen. Allerdings sollen die NRW-Hochschulen bis Ende nächsten Jahres ihre Studien- und Prüfungsordnungen so ändern, daß das Studium in der Regelzeit auch zu schaffen ist. Die Magisterarbeit etwa, die auf sechs Monate befristet ist, de facto aber oft ein ganzes Jahr in Anspruch nimmt, soll in Nordrhein-Westfalen künftig in drei bis vier Monaten zu bewältigen sein – ein Angebot für diejenigen, die schnell fertig werden wollen. Wer lieber in aller Beschaulichkeit studiert, bleibt unbehelligt.

Dennoch eilten Kölner Studenten durch die Mensa und forderten ihre Kommilitonen auf, "schneller zu essen", schließlich sei die Zeit nun knapp; ein Berliner Student fürchtet den nun aufkommenden "psychischen Druck"; Hamburger Studenten ließen Luftballons mit Grußkärtchen steigen: "Hilfe, ich fliege von der Uni." Aber die bisher erfolgten Reformen sind nicht so dramatisch, wie es die bundesweiten Demos vermuten lassen. Die Proteste richten sich prophylaktisch gegen das, was das Eckwertepapier den Wissenschaftsministerien der Länder empfiehlt. In Berlin und Nordrhein-Westfalen ist man von der Vision einer "Lernfabrik" weit entfernt – nicht zuletzt, weil diese und frühere Proteste die politische Brisanz der Reform deutlich gemacht haben. Aber abgesehen davon: Studenten-Demos zur Adventszeit sind fast schon Tradition und brauchen keinen aktuellen Anlaß; die seit Jahren währende Misere an den Hochschulen ist Anlaß genug. In den Protesten kulminieren Zukunftsangst, die Sorge um einen Arbeitsplatz und der Ärger über die schlechten Studienbedingungen. Bevor sich jedoch die vereinzelten Aktionen zu einer breiten Bewegung formieren können, hat die Weihnachtspause begonnen, und die Kraft verpufft – alle Jahre wieder.