DES MONATS

Gemeinhin unterscheiden wir im Tierreich der Menschen zwischen zwei Arten von Intellektuellen: den Schwätzern und den Schweigern. Während die einen – ob Professoren oder Pfarrer oder Dichter oder Journalisten wie unsereins – ständig und auf jedem Podium und in jeder Talkshow-Runde ihr Lehramt für allgemeine Welterkenntnis zelebrieren, harren die anderen jener Zunft in ihren Elfenbeintürmen gefäßhaft der göttlichen Inspiration, des heiligen Wortes, um es demütig dem Pergament anzuverhauchen, ganz im geheimen versteht sich, und allenfalls einer frommen Schar erwählter Jünger zugeeignet. Nicht, daß es keine Mischformen gäbe, daß nicht einer vielleicht am liebsten sein Schweigen in gravitätische Geschwätzigkeit hüllte, ein anderer von den Mauerzinnen seines hortus conclusus gern verquollenen Bocksgesang auf das verödete Volk herabbrunzen ließe – doch darum geht es hier nicht.

Hier geht es um einen dritten Typus, um den Typus des Spötters und Narren, um den, der weiß, daß niemand nichts weiß und was alles nicht "die Lösung" ist: jene Figur des allen schneidigen Machern wie auch allen schweigenden Wissern zutiefst verhaßten liederlichen Lächerlichmachers und Arschzeigers also, des ewigen Zersetzers und kichernden, kynischen Welt- und Weisheitsverhöhners. Von Sokrates bis Karl Valentin, von Till Eulenspiegel bis Jean-Marc Reiser und Josef Hader zieht sich die blutige Spur ihres infamen, ihres alles, was Menschen heilig und ziemlich teuer ist, ratten- und schmeißfliegenhaft zerbeißenden und beschmutzenden Witzes quer durch die erhabene Kulturgeschichte der Menschheit.

Zu ihrem verlausten und jugendverderbenden Haufen gehört auch der wunderbare Nasriddin, Nasriddin Hodscha (wie ihn die Türken nennen) oder Nasriddin Afandi (wie die Usbeken sagen). Ob, und wenn, wann er gelebt hat, ist ungewiß: Wie man in Mölln an der Außenmauer der Nicolai-Kirche die Gruftplatte des Till Eulenspiegel von 1350 zeigt, so ist man im westanatolischen Akşehir stolz darauf, das Grab des Nasriddin zu hüten, der 1284/85 hier gestorben sein soll. Doch sei dem, wie dem sei: Der berühmte Mann mit dem großen Turban und dem kleinen Esel – halb Straßenphilosoph, halb Witzfigur – hat überall im Morgenland und durch alle Jahrhunderte hindurch und in allen nur denkbaren Verkleidungen seinen Scherz ausgeteilt. Eine klitzekleine Auswahl von zweihundertzweiundvierzig seiner Abenteuer haben Atabai Shumanijasow und Heidi Stein aus dem Usbekischen übersetzt, und obwohl das Buch schon vor zwei Jahren im Leipziger Gustav Kiepenheuer Verlag erschienen ist und wir hier eigentlich nur Taschenbuch-Erstausgaben (oder Neuausgaben lange verschollener Bücher) Erwähnung tun, wollen wir doch ganz zwanglos einmal eine Ausnahme machen – denn die Bekanntschaft mit Nasriddin Afandi sollte man auf keinen Fall verpassen!

"Schwänke, Anekdoten und Witze" verspricht der Untertitel. Also rasche, kleine Geschichten, von Mund zu Mund – keine feingeschliffene Dichterprosa. Und doch sind es auch Dramolette und Novelletten voll überraschender Wendungen und Pointen, ungehöriger Begebenheiten, oft nur ein paar Zeilen lang: "Afandi wurde gefragt: ‚In der Stadt N. hat ein Esel den Hakim [den Gouverneur] bestochen und sich das Kadi-Amt erkauft! Was sagt Ihr dazu?‘ – ‚Was soll ich sagen?‘, meinte Afandi. ‚Wenn er kein Esel gewesen wäre, hätte man ihn nicht zum Kadi gemacht!‘"

Ob er nun so nebenbei seine Pfeile abschießt oder ob er selber in die Rolle eines Kadi oder Mullah schlüpft, immer wieder geht es gegen Bestechlichkeit und Bigotterie, Habgier und Dummheit. Und immer wieder entblößt er die Eliten und Autoritäten, die großen Unverzichtbaren, ihrer Selbstgefälligkeit und Selbstgerechtigkeit, und das im allerdrastischsten Sinne. So erzählt einer der schönsten Schwänke des Buches, wie Afandi mit dem Kadi um hundert Tilla wettet, daß er prophezeien könne: Am nächsten Morgen, das sehe er genau, werde der Kadi mit einem Furunkel am Hintern aufwachen. Der nächste Tag kommt, Afandi wird gerufen, "der Kadi ging ans Fenster, löste sein Hosenband und hielt seinen Hintern zum Sonnenlicht": kein Furunkel zu entdecken. Afandi, der falsche Prophet, muß die hundert Tilla zahlen und wird aus der Stadt gewiesen. Doch ein paar Tage später ist er immer noch da. Der Kadi läßt ihn rufen und fragt ihn, was er hier noch treibe. ",Ich wette und gewinne‘, erwiderte Afandi, ,und mache mir ein schönes Leben.‘ Erzürnt rief der Kadi: ‚Hast du nicht erst hundert Tilla verloren, als du mit mir gewettet hast?‘ Afandi versetzte ruhig: ‚Wohl habe ich an Euch die hundert Tilla verloren. Ich gewann sie aber von den hundert Leuten zurück, mit denen ich um je einen Tilla gewettet habe, ich würde ihnen den nackten Hintern des Kadi am Fenster zeigen!‘"

Wie wir aus dem ausführlichen Nachwort von Heidi Stein erfahren, betont die noch zu sowjetischer Zeit entstandene usbekische Sammlung, die der dtv-Auswahl zugrunde liegt, besonders die sozialtückischen und guerillesken Züge des Nasriddinschen Humors – auch das Hofnarrenfreie, das allerdings, dies sei bildungseifrig ergänzt, schon dem Geheimbden Rath zu Weimar ganz ausnehmend gut an dem "orientalischen Lustigmacher" gefiel. Der zotige und obszöne Nasriddin, den es, wie Heidi Stein schreibt, in der mündlichen und handschriftlichen Überlieferung auch gab und gibt, überlebte in den gedruckten Anthologien die "sowohl sozialistische wie auch islamisch-patriarchalische Moralauffassung" der usbekischen Zensoren allerdings nicht. Aber vielleicht wird uns das ja später noch einmal nachgereicht; wir bitten darum.