Doch auch so haben die Geschichten um Nasriddin Afandi noch genug Kraft und Glanz, vor allem da, wo sie wie absichtslos ins Absurde umkippen oder wo eine ganz heitere, lautere Selbstironie sie zum Funkeln bringt: "Afandi wollte einmal über einen Graben springen, fiel aber mitten hinein. Da er fürchtete, jemand hätte ihn beobachtet und könnte ihn auslachen, sprach er laut zu sich: ‚Tja, leider Gottes, die Jugend ist vorbei! So ist das, wenn du alt geworden bist!‘ Er arbeitete sich aus dem Graben heraus, und als er sah, daß niemand in der Nähe war, fügte er an: ‚Um ehrlich zu sein – in meiner Jugend war ich auch schon ein rechter Tölpel!‘"

Nasriddin, der Rebell, der Satyr, der Clown. Doch über die Figur hinweg fallen die Seitenblicke des Lesers auch auf eine islamisch-orientalische Alltagswelt jenseits süßlicher Diwan-Poesie und fanatischen Schwert-des-Propheten-Pathos, auf eine Welt, die selbst denen, die sie nie erlebt haben, kurios vertraut vorkommt. Und vielleicht sollten wir, wenn wieder einmal einer unserer Nahost-Experten die große islamische Gefahr an die Wand fuchtelt, an Nasriddin Hodscha, Nasriddin Afandi denken. Denn sein Witz, das heißt: seine Philosophie, erinnert uns Schwätzer und Schweiger an das, was wir in der Exklusivität unserer geliebten Diskurse so oft vergessen: an die schlichte, kleine, kynische Wahrheit nämlich, daß die Menschen zwar nicht alle gleich, aber überall dieselben sind – als Gläubige und Zweifler, als Betrüger und Betrogene. Benedikt Erenz

  • Nasriddin Afandi – Der Sündensack

Schwänke, Anekdoten und Witze; aus dem Usbekischen von Atabai Shumanijasow und Heidi Stein; dtv 2325, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1993; 240 S., 12,90 DM