Von Michael Lüders

Algier

Der Brief ist mit der Hand geschrieben, die erste Seite auf französisch: "Dem Herrn vom Matin. Ihr mieser Photograph Ouahab hat seine erste Warnung erhalten. Eine Routinesache unserer Freiheitskämpfer. Wir werden als nächstes die folgenden Personen liquidieren." Die Liste umfaßt 31 Namen von Politikern, Schriftstellern, Frauenrechtlerinnen, vor allem aber von Journalisten. Die Begründung folgt auf arabisch: "Wir werden Schluß machen mit dem Verrat und der (westlichen) Bewegung. Mit den Handlangern Frankreichs, den Frankophonen und den Französisierern. Sie alle sind verantwortlich für den Tod von Tausenden der besten Söhne Algeriens. Eure Stunde ist gekommen. Wir werden siegen, so Gott will. Islamische Kampfgruppe, Algier West."

Said Mekbal, Herausgeber der französischsprachigen Tageszeitung Le Matin, erhält seit Monaten Drohbriefe dieser Art. Zweimal schon hatte Said Mekbal einen jungen Mann empfangen, der sich als angehender Journalist ausgab. "Beim nächsten Treffen hätte er mich umgebracht. Er wollte zuerst unsere Sicherheitsmaßnahmen erkunden." Am Tag ihrer erneuten Verabredung allerdings wurde der Besucher von der Polizei erschossen. Es war Mohammed Guezmir, einer der meistgesuchten islamistischen Terroristen. Im Juni hatte er dem renommierten Soziologen Mohammed Boukhobza vor den Augen seiner Familie die Kehle durchgeschnitten.

"Man muß lernen, seine Angst zu besiegen. Sie darf nicht zur Panik werden, sonst bist du verloren. Ruhig bleiben, wenn du auf die Straße gehst und ins Auto steigst. Das ist der gefährlichste Augenblick. Ich wohne fünf Minuten von der Redaktion. Aber ich fahre Umwege von dreißig, vierzig Kilometern, morgens und abends. Immer andere Wege und andere Zeiten. Zu Hause bin ich nur noch zum Schlafen. Mein Familienleben ist ruiniert. Aber mich dem Terrorismus beugen und das Land verlassen wie so viele Intellektuelle – das werde ich nicht tun. Den Terror kann man nur besiegen, wenn man seine Logik nicht akzeptiert."

Seit dem Verbot der fundamentalistischen "Islamischen Heilsfront" (FIS) und der Verhängung des Ausnahmezustandes im Februar 1992 erlebt Algerien einen schleichenden Bürgerkrieg, der bislang fast 3000 Tote gefordert hat. Mit einem Staatsstreich hatte damals die Armee den absehbaren Wahlsieg der Islamisten bei den ersten freien Parlamentswahlen verhindert. Militante FIS-Aktivisten gingen in den Untergrund und verübten Anschläge auf Polizisten und Soldaten, Politiker und staatliche Einrichtungen. Um den Druck auf die Regierung zu erhöhen, nahmen die Terroristen eine weitere Zielgruppe ins Visier Intellektuelle und Journalisten, aber auch Ärzte, Techniker oder Ingenieure. Einige Dutzend "Frankophone und Französisierer" sind in den vergangenen Monaten umgebracht worden. Aus Angst vor dem Terror haben sich mehr als 200 000 Algerier ein Visum für Frankreich besorgt.

Niemand weiß mit Sicherheit, wie viele gewalttätige FIS-Aktivisten im Untergrund agieren, wie sie untereinander organisiert sind, wer sie anführt. Der staatliche Gegenterror: Antifundamentalistische Todesschwadronen, willkürliche Verhaftungen Tausender vermeintlicher oder tatsächlicher FIS-Anhänger, über 300 Todesurteile und 26 Hinrichtungen in diesem Jahr haben die Gewalt nicht aufgehalten. Im September wurden erstmals Ausländer ermordet, darunter zwei Russen und zwei Franzosen. Am 1. Dezember lief ein Ultimatum ab, das die Entführer dreier französischer Diplomaten an die Ausländer gerichtet hatten: "Verlassen Sie das Land, oder Sie sind selber verantwortlich für Ihren plötzlichen Tod."