Von Holger Afflerbach

Als der Kreuzer Leipzig schon untergegangen war und einen Augenblick kieloben trieb, schwamm ein Matrose an das Schiff heran, kletterte herauf, eine deutsche Fahne schwingend, und ging dann mit ihm unter.“ Ein Satz nur, ziemlich am Ende eines längeren Berichtes über die deutsch-englische Seeschlacht bei den Falklandinseln am 8. Dezember 1914, erschienen genau zwei Monate später in mehreren großen deutschen Blättern, darunter auch in der Frankfurter Zeitung. Die Verfasser der Nachricht beriefen sich auf nicht näher genannte englische Quellen. Das schien eine Bürgschaft ihrer Richtigkeit zu sein. Dem Fahneneid bis zuletzt getreu, hatte dieser Matrose den Tod der Kapitulation vorgezogen – das war eine Vorstellung nach dem Geschmack der Zeitgenossen und besonders der Marine.

Hans Bohrdt, ein von Kaiser Wilhelm II. sehr geschätzter Marinemaler, hat die Zeitungsmeldung kongenial in ein Schlachtengemälde umgesetzt. Der Titel des Bildes zündete: „Der letzte Mann“. Seither war jener unbekannte Matrose das Symbol der Falklandschlacht.

Kaiser Wilhelm hatte dem Künstler nahegelegt, doch in die obere Bildmitte einen segnenden Engel hineinzumalen, was Bohrdt ablehnte. Dieser Wunsch des Kaisers ist trotzdem mehr als ein bizarres Detail; der schwersten Niederlage zur See, die Deutschland bis dahin jemals erlitten hatte, sollte eine sakrale Weihe verliehen werden.

Am 8. Dezember 1914 hatten die Engländer vier deutsche Kreuzer und zwei Versorgungsschiffe versenkt; über 2000 deutsche Seeleute starben entweder während des Gefechtes oder nach dem Untergang ihrer Schiffe in den eisigen Fluten des Südatlantiks, dessen Wassertemperatur nur ein Grad plus betrug. Diese hohen Verluste wirken um so krasser, wenn sie mit den englischen verglichen werden: Sieben Seeleute kamen um; die Schäden an den Schiffen, von denen keines verlorenging, waren geringfügig.

Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen. Das Gros des Kreuzergeschwaders war vor Kriegsbeginn in dem deutschen Marinestützpunkt Tsingtau in China stationiert gewesen. Es bestand aus den Panzerkreuzern Scharnhorst und Gneisenau, den Kreuzern Dresden, Leipzig, Nürnberg und Emden; die Emden wurde bald schon zum – überaus erfolgreichen – Handelskrieg im Indischen Ozean entlassen. Angesichts der englischen Seeüberlegenheit und vor allem nach der Kriegserklärung Japans hätten sich die Schiffe in Tsingtau auf verlorenem Posten befunden. Graf Spee, Admiral des Geschwaders, beschloß deshalb, sich nicht von überlegenen Seestreitkräften im Hafen einschließen zu lassen, sondern steuerte mit seinen Schiffen in die Weiten des Pazifiks.

Monatelang konnte sich das Geschwader den englischen, japanischen, französischen und russischen Verfolgern entziehen. Dennoch war seine Lage von Beginn an sehr schwierig. Winston Churchill, damals Erster Lord der britischen Admiralität, verglich den Flottenverband, dem es an Stützpunkten, an Werftplätzen für die Überholung und an Nachschubverbindungen fehlte, mit einer Vase Schnittblumen: „Schön anzusehen, aber doch zum baldigen Tode verurteilt, weil das nährende Wasser nicht ständig erneuert wird.“ Ein zutreffender Vergleich, wenn allein der große Kohlenverbrauch des Geschwaders in Rechnung gestellt wird: Die Panzerkreuzer verbrauchten bei einer Marschfahrt von 10. Knoten 93 Tonnen Kohle pro Tag, bei 20 Knoten sogar 432 Tonnen! Die kleinen Kreuzer kamen auf einen Tagesbedarf von deutlich über 50 Tonnen Kohle.