Nur einmal hat Richter sich ein wirkliches Thema gesucht, ein hochpolitisches und emotional belastetes dazu, ein deutsches Trauma: In dem Bildzyklus "18. Oktober 1977" hat er das Ende der RAF, den Tag der Toten von Stammheim dargestellt. Fünfzehn grau in grau verwischte Bilder nach Presse- und Polizeiphotos, über die Richter selber folgendes notiert hat: "Was habe ich gemalt. Dreimal den erschossenen Baader, zweimal die aufgehängte Ensslin, dreimal den Kopf der toten, abgeknüpften Meinhof, einmal den toten Meins... Dreimal die Ensslin, indifferent... Dann ein großes, nichtssagendes Begräbnis ... eine Zelle mit dominierendem Bücherregal – einen stummen, grauen Plattenspieler – ein Jugendbildnis der Meinhof, bürgerlich, sentimental – zweimal die Verhaftung von Meins... Die Bilder sind dumpf, grau, meist sehr unscharf, diffus. Ihre Präsenz ist das Grauen und die schwer erträgliche Verweigerung einer Antwort, einer Erklärung und Meinung."

Diese Bilder, die (anders als in der Bonner Ausstellung) in einen Raum für sich gehören, haben damals eine heftige Debatte ausgelöst. Daß sie, erst zehn Jahre nach den Ereignissen entstanden, ein Akt des Opportunismus und nicht der Betroffenheit seien, war die eine Meinung. Während andere Interpreten aus Richter noch nachträglich einen Achtundsechziger und Sympathisanten der RAF machen wollten. Das eine ist wohl so unzutreffend wie das andere. Nicht für die politische Aktualität hat Richter sich, post festum, interessiert, sondern für den Tod, den Abschied.

Wenn man so will, steht dieser Zyklus (die vielleicht wichtigste Anschaffung, die Jean-Christophe Ammann für das Frankfurter Museum für Moderne Kunst gemacht hat) außerhalb von Richters Werk und zugleich im Zentrum. Inhalt und Form, die Darstellung und das Dargestellte sind hier kongruent, die Dialektik von Abstraktion und Figuration ist aufgehoben. Zu den neuesten, jüngsten Bildern der Ausstellung gehört nicht nur das "Abstrakte Bild" aus 120 Teilen, sondern ein kleines Blumen-Bild. Ein Stückchen Chrysantheme, Rose und Bindegrün, präzise in der Mitte, etwas Weichzeichner am Rand. Im Aufenthaltsraum eines Krankenhauses würde es, stille Freude spendend, am rechten Platz sein.

(Bundeskunsthalle bis zum 13. Februar. Der dreibändige Katalog, erschienen in der Edition Cantz, Stuttgart, kostet in der Ausstellung 95,-DM. Wobei der Werkverzeichnis-Band, der die 1986 von Dietmar Elger im Düsseldorfer Katalog begonnene Arbeit fortsetzt, leider auf die Standorte der Bilder verzichtet. Im Insel Verlag, Frankfurt, erschien außerdem in diesem Jahr ein von Hans-Ulrich Obrist herausgegebener Band mit Texten und Interviews zum Preis von 48,– DM).