Von Nina Grunenberg

Ihr Vertrauen in das Bewährte macht den Charme der Konservativen aus. Ein anschauliches Beispiel dafür ist die Technische Hochschule (TU) München mit ihrem Präsidenten Otto Meitinger. Die Trittsicherheit, mit der sich der Bayer durch die marode Hochschullandschaft bewegt und geschmeidig reformiert, was er für richtig hält, macht ihn unter seinen Kollegen Rektoren zu einer Rarität.

Viele von ihnen haben vor der "institutionellen Ignoranz" (Jürgen Mittelstraß) ihrer Hochschulen längst kapituliert und philosophieren lieber über die Modernitätskrise der Universität, als daß sie ihr zu Leibe rückten. Nicht so Otto Meitinger. Er ist kein Weltverbesserer, als Bayer schon gar nicht. Aber als Architekt ist er gewohnt, nicht nur schöne Entwürfe zu machen, sondern sie auch zu verwirklichen. Daß er das kann, zeigte er schon, als er mit 25 Jahren Baumeister der Münchner Residenz wurde, ein Bauwerk, von dem damals nur noch die Ruinen standen. Inzwischen ist er 66 Jahre alt und weiß nicht nur genau, worauf es bei der TU ankommt, sondern will es auch durchsetzen. In zahlreichen Festansprachen und Grußworten, die er dieses Jahr zum 125jährigen Bestehen der TU zu halten hatte, sagte er es immer wieder, wenige Worte reichten ihm dafür aus: "den anerkannt hohen Qualitätsstandard ihrer Absolventen und ihren Ruf als Forschungsstätte zu garantieren".

Dem Datum nach ist die TU München die dritte technische Lehranstalt, die im deutschsprachigen Raum gegründet wurde (Karlsruhe und Zürich waren vorher da), aber ihr Selbstbewußtsein ist nicht kleiner als das der Eidgenössischen Hochschule Zürich. Otto Meitinger ist stolz auf seine TU, stolz auf ihre Absolventen, stolz auf den internationalen Ruf ihrer Professoren und auf die sechs Nobelpreisträger, die sie hervorbrachte. Diejenigen Hochschulangehörigen, auf die er nicht stolz ist, erwähnt er nicht. Der Präsident ist ein Gentleman, aber einer mit einem harten Kern. Wer seiner Vorstellung von Leistung, noch lieber sagt er "Spitzenleistung", nicht entspricht, bleibt darüber nicht im unklaren.

Der TU-Präsident ist ein Mann mit Sinn für Proportionen. Mit dem Jubiläumsprogramm beauftragte er niemanden, er nahm es selber in die Hand und prägte es mit seinem Stilgefühl. (Es gibt Universitäten, die sich bei ähnlichen Anlässen lieber auf die Dienste von Kongreßveranstaltern verlassen.) Im Deutschen Museum regte Meitinger eine Sonderausstellung zur Geschichte der Hochschule an. Der TU-Ehrensenator Ernst Maria Lang, als Karikaturist der Süddeutschen Zeitung eine Münchner Institution, sorgte für eine Ausstellung über "Wissenschaft und Technik im Spiegel der Karikatur" und das entsprechende Buch dazu. Die Architektur-Fakultät, in der Meitinger seit 1976 den Lehrstuhl für "Entwerfen und Denkmalpflege" hat, organisierte einen Überblick über die "Architekturschule München". Zur Festversammlung erschien nicht nur der Bundespräsident (dem er die Villa Hammerschmidt in Bonn und das Schloß Bellevue, seinen Berliner Amtssitz, renovierte) und nicht nur der bayerische Ministerpräsident. Besonders herzlich wurde der Chef des Hauses Wittelsbach begrüßt, Herzog Albrecht von Bayern, "also der Repräsentant des bayerischen Königshauses, dem unsere Universität durch König Ludwig II. ihre Gründung verdankt". Sergiu Celibidache und die Münchner Philharmoniker gaben der TU zu Ehren ein Konzert. Zum guten Schluß wurde ein Feuerwerk abgebrannt. Alles in allem kostete das Jubiläum 250 000 Mark. Gezahlt wurde nicht aus Steuermitteln, sondern aus privaten Spenden und Stiftungen. (Die Universität Hamburg veranschlagte die Kosten für ihren bevorstehenden 75. Geburtstag auf 2,8 Millionen Mark.)

Als alteingesessener Münchner weiß Meitinger, wie die Kräfte im Freistaat verteilt sind, und kennt sich im Netzwerk der Verbindungen aus. Seine Familie ist mit der Münchner Baugeschichte eng verwoben, sein Vater war im und nach dem Kriege Stadtbaurat in München – ein Posten, der später auch dem Sohn angetragen wurde. Doch der blieb damals lieber Baumeister der Max-Planck-Gesellschaft und knüpfte sein Beziehungsnetz auch durch die wissenschaftlichen Disziplinen. Meitingers Meisterschaft zeigt sich bei einem Blick in die Mitgliederliste des Universitätskuratoriums, das er sich aus freien Stücken zulegte. Zu den Mitgliedern zählen neben Wissenschaftlern und dem Münchner Oberbürgermeister auch Prinz Franz von Bayern, die Chefs der Bayerischen Vereinsbank und der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank, von Siemens, BMW und der Allianz. Was von ihnen erwartet wird? "Persönliches Engagement für die Hochschule." Otto Meitinger gab ihnen auf seine liebenswürdige Art schon reichlich Gelegenheit, ihre Anhänglichkeit an die TU zu zeigen, beispielsweise bei deren räumlicher Erweiterung.

Die "Gefahren der Massenuniversität" habe die TU besser als andere bewältigt, sagt er gerne, aber gewachsen ist sie auch. Bei der Hundertjahrfeier 1968 zählte sie noch 8100 Studenten, 6 Fakultäten und 170 Lehrstühle. 25 Jahre später sind es 23 000 Studenten, 12 Fakultäten und 240 Lehrstühle. An diesem Wachstum erbitterte die Traditionalisten unter den Ordinarien am meisten, daß die natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten aus der Stadtmitte hinaus aufs Land nach Garching verlagert werden sollen, damit Erweiterungsbauten möglich werden.