Von Franziska Augstein

John Bull lebt seit alters von Braten und Plumpudding im Übermaß. Und danach sieht Englands Symbolgestalt auch aus: John ist unsportlich, ein feister Genießer, eigentlich keine elegante Partie. So trifft man ihn auch nur selten in Begleitung der Frau Britannia, die – mit und ohne Harnisch – in klassizistischer Schönheit strahlt.

Seit dem Jahr 1707, da Schottland vertraglich dem englischen Königreich angeschlossen wurde, symbolisiert das ungleiche Paar, Land und Leute der britischen Inseln. Die Dame stand fürs territorial verstandene Empire, die erwählte protestantische Nation, Bannerträgerin von Freiheit und Zivilisation; der dicke John personifizierte die englische Mehrheit seiner Bewohner. Für Schotten und Iren war er nicht zuständig. In der Allegorie nicht anders als in der politischen Wirklichkeit mußten die nationalen britischen Minderheiten es sich gefallen lassen, von England repräsentiert zu werden.

Eine Nation sein heißt, so will es das Bonmot: die eigene Geschichte mißzudeuten. Großbritannien ist – sicher weniger als Deutschland, sicher mehr als Frankreich – im Sinne des Nationalismusforschers Benedict Anderson eine "erfundene" Nation. Aber was hieß es, "britisch" zu sein? Gab es ein britisches Nationalgefühl, wuchs es natürlich, oder wurde es obrigkeitlich gestiftet? Und was hat das alles mit den heutigen nationalistischen Ausfällen zu tun, von Margaret Thatchers Europa-Schelte bis zu den Bomben der IRA? Die britische Historikerin Linda Colley hat sich mit diesen Fragen zehn Jahre lang beschäftigt, und ihre Antworten stellen ein Geschichtsbild in Frage, das ihre Altvordern in den vergangenen Jahren mühsam konstruiert haben.

Die Autorin wirft den britischen Nachkriegshistorikern in Bausch und Bogen vor, sich nicht genügend um die Vermittlung von Militär-, Sozial- und Kulturgeschichte gekümmert zu haben. Sie hätten sich auf religiöses und soziales binnenländisches Gerangel kapriziert – und übersehen, daß es etwas gab, das alle streitenden Briten letztlich durch die Zeiten einte: Krieg.

Ein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl ist für Colley nicht eine Frage kultureller Gemeinsamkeiten, vielmehr erwachse das Bewußtsein dafür erst aus der Erfahrung gemeinsam durchlittener Konflikte: "Menschen entscheiden darüber, wer sie sind, indem sie erst einmal feststellen, wer und was sie nicht sind." Zu dieser Erkenntnis zu gelangen, hatten die Briten im 18. Jahrhundert viele Gelegenheiten: die spanischen und österreichischen Erbfolgekriege, den Siebenjährigen Krieg, den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und dann vor allem den Krieg gegen die französischen Revolutionstruppen.

Gestützt auf die zeitgenössischen Freiwilligenlisten und Loyalitätsadressen an den König, weist Colley nach, wie groß der nationale Zusammenhalt über alle Schichtgrenzen hinweg unter den Briten war. Sie zeigt, wie die landeskundliche Bildung, die den kreuz und quer über die britischen Inseln exerzierenden nationalen Truppen zuteil wurde, das britische Gemeinsamkeitsgefühl bestärkte. Hier hat sie minutiöse Feinarbeit geleistet. Der Leser muß ihr folgen; wie die Truppen auf Trab gehalten, tun wir es gern – und lassen uns so von der Autorin selber in den Zweifel treiben: Am Ende kann ihre Kriegs- und Konfliktthese nämlich schon deshalb nicht ganz überzeugen, weil die Autorin sie selbst relativiert.