Mitunter könnte man meinen, im Orient spiele ein Film, der immer wieder vor-, zurückgespult und angehalten wird oder in Zeitlupe läuft. Eben noch Arafats und Rabins historischer Händedruck im Rosengarten des Weißen Hauses; nun blutige Messer, heiße Gewehrläufe, aufgepeitschte Kundgebungen – und bald doch wieder Gespräche?

Das Happy-End im Nahostdrama wurde jedenfalls zu früh bejubelt. Noch nicht einmal das Drehbuch stand fest. Wer jetzt zweckoptimistisch von noch "offenen Details" spricht, verkennt nicht nur, daß zur Zeit sämtliche sicherheitsrelevanten Fragen ungeklärt sind, sondern auch, wie wichtig gerade bei diesem Friedensprozeß der Fahrplan ist. Wird an diesem Rahmen gerüttelt, entledigen sich beide Seiten zugleich des Erfolgszwangs – und landen dort, wo bislang so viele Nahostverhandlungen scheiterten: im Bazar. Bei allem Feilschen um Preis und Ware kommt womöglich der Handel nicht zustande.

Schuld daran sind mehrere Akteure: die Friedensgegner ohnehin. Neben ihnen aber auch viele arabische Regime, die zwar wortgewaltig die Befreiung Palästinas fordern, denen aber das Schicksal des palästinensischen Volkes gleichgültig ist und die insgeheim einen zusätzlichen arabischen Staat zu verhindern trachten. Wenig hilfreich hat sich bisher auch der Westen verhalten: Er verspricht viel Geld "für den Frieden", meint damit aber Projektfinanzierungen, also Exportförderung, und zeigt sich knauserig, wo es um laufende Mittel für Alltagsausgaben, für Behörden und Polizeikräfte geht. Jitzhak Rabin wiederum versteht es nicht, mit einer großzügigen Auslegung des Abkommens und mit Enthusiasmus den Friedenszug in Fahrt zu halten.

Am ärgsten gepatzt haben freilich die PLO und vor allem Jassir Arafat selber: In amateurhafter Verhandlungsführung hat er Dinge verlangt, die nie Gegenstand des Übereinkommens mit Israel waren. So stiegen die Erwartungen der Palästinenser – und können nun nicht erfüllt werden. Überdies gelang es der PLO nicht, die Strukturen für einen Embryostaat zu schaffen. Der Große Vorsitzende Arafat machte eher deutlich, wie viel ihm an Pomp und Machtfülle und wie wenig ihm an Demokratie gelegen ist. So verprellte er nach den radikalen Israel-Hassern nun auch viele seiner friedliebenden Getreuen.

Noch ist der Friedensprozeß nicht gescheitert. Der Medienpessimismus und alle von Haßtiraden und Gewaltakten beeinflußten Umfragen können zweierlei nicht vernebeln: Erstens will in beiden Völkern, bei Israelis wie bei Palästinensern, eine Mehrheit den Frieden – auch wenn er Zugeständnisse kostet. Zweitens haben die beiden Führer, Rabin und Arafat, nichts zu gewinnen, jedoch alles zu verlieren, wenn ihr kühnes Wagnis mißlingt.

Doch mit jedem Tag, der ergebnislos verstreicht, rückt der Friede weiter weg. Israels Ministerpräsident kann nicht ewig mit einer Minderheitsregierung das Land lenken. Konzessionen werden immer schwieriger, je mehr Blut und Tränen aufs neue fließen. Der PLO-Vorsitzende seinerseits hat immer weniger Palästinenser hinter sich. Sein Chefsessel wackelt. Was aber brächte Israel ein Friede mit einem Anführer ohne Volk?

Es scheint, als sei die nahöstliche Geschichte seit dem 13. September stehengeblieben. Alles ist möglich geworden. Aber es muß auch alles noch getan werden. Und zwar schnell. Fredy Gsteiger