Ein bißchen Machiavelli – Seite 1

Von Freddie Röckenhaus

Es muß so um 1968 gewesen sein, an der Ruhr-Universität in Bochum. Reinhard Rauball war Jurastudent im dritten Semester. Unter der Klausur, die er gerade zurückbekommen hatte, stand als Note eine drei. Das wäre soweit in Ordnung gewesen, wenn nicht stud. jur. Reinhard Rauball, gerade zwanzig geworden, schon damals seine Fähigkeiten selbstbewußt eingeschätzt hätte. Seine Lösung des zu bearbeitenden Falles hielt er "für ziemlich elegant", wie er heute mit Selbstironie erzählt. Wutschnaubend marschierte Rauball ins Sekretariat von Professor von Münch (Jahre später Hamburger Innensenator), insistierte, die Adresse des Assistenten zu bekommen, der da so offensichtlich geirrt hätte, und machte sich sofort auf den Weg zu dessen Wohnung. Zum Glück traf er aber nur die Frau des jungen Assistenten an. Student Rauball durfte warten, es gab Kaffee, man quatschte sich in bester Ruhrgebietsmanier fest – das verbindliche Gespräch lag ihm schon damals. Und als dann der Assi eintraf, wurde noch eine ganze Weile weitergequasselt. Nur auf die Beschwerde kam man nicht mehr recht zu sprechen.

Jener Assistent damals war Wolfgang Clement, heute Chef der Staatskanzlei in Düsseldorf, mit guten Aussichten, Nachfolger von Ministerpräsident Johannes Rau zu werden. Und jener zornige junge Mann? Reinhard Rauball ist heute der wichtigste Sport-Rechtsanwalt der Republik. Er hat Sprintstar Katrin Krabbe in ihrem ersten Doping-Verfahren rausgepaukt, und dieser Tage formuliert er die Schadenersatzklage von Günter Eichberg, bis vor kurzem Präsident des Bundesligaklubs Schalke 04, gegen den Spiegel. Rauball hat früher als jeder andere erkannt, daß beim Zusammenprall der Kommerzialisierung des Sports mit den verstaubten Vereinssatzungen ein gigantisches Rechtsvakuum entstehen würde, das er zu füllen imstande sei.

Die Geschichte im Hause Clement ist typisch für ihn. Ehrgeiz und Zielstrebigkeit wetteifern bei ihm mit der Neigung zur Geselligkeit – trotz knapper Freizeit kann er auf Anhieb sechs Stammkneipen in seiner Heimatstadt Dortmund aufzählen. Es demonstriert Geistesgegenwart und diplomatisches Geschick, im rechten Moment zu erkennen, wann Kaffee, Kuchen und Gespräch sinnvoller als Lamentos sind.

Journalisten auf der Suche nach griffigen Formulierungen bezeichnen . Reinhard Rauball bisweilen als den "Bossi des Sportrechts". Reinhard Rauball aber, 46 Jahre ist er inzwischen, verzieht bei solchen Attributen säuerlich das Gesicht. Er versteht es meisterlich, sich mit Äußerungen über Berufskollegen vielsagend zurückzuhalten. Doch der Vergleich hinkt so offensichtlich, daß es ohnehin keiner langen Dementis bedarf. Der überraschende Kontrast zwischen Rauballs irritierend korrektem Krawatten- und Anzugstil und seinem ewig jungenhaftfreundlichen Gesicht erinnert eher an Otto Schily. Und Rauballs westfälischer Tonfall hat trotz eleganter rhetorischer Schleifen nichts von dem operettenhaften Showgestus eines Bossi.

Dabei ist Reinhard Rauball eitel genug, um zuzugeben, daß die Liste der drei hierzulande am meisten in der Öffentlichkeit stehenden Rechtsanwälte tatsächlich so lautet: Rolf Bossi für Strafrecht, Axel Meier-Wölden für Vertrags- und Urheberrecht (Boris Becker, Sat 1) und eben Reinhard Rauball für Sportrecht. Katrin Krabbe liefe längst wieder, hätte Rauball sie auch in ihrem zweiten Doping-Verfahren vertreten. Den Ost-Fußballklub Dynamo Dresden hat er vor dem Abstieg aus der Bundesliga bewahrt, für Galatasaray Istanbul den Ausschluß aus dem Europapokal verhindert. Dieser Tage kämpft er beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) um die Profilizenz für Rot-Weiß Essen und in Sachen Eichberg gegen den Spiegel.

"Einen würde ich in diese Reihe noch mit aufnehmen", sagt Reinhard Rauball – "Otto Schily. Denken wir nur an die RAF-Prozesse und den Parteispendenausschuß." Auch das ist ganz charakteristisch für Sportanwalt Reinhard Rauball, dessen Kanzlei am Dortmunder Friedensplatz gegenüber dem Rathaus liegt. Mit den Mechanismen von Öffentlichkeit und Medien geht Rauball virtuos um. In der Gesellschaft seines Parteigenossen Schily fühlt sich der "der Kleine Doktor", wie sie ihn in seiner Heimatstadt liebevoll nennen, wohler. Denn Schily bringt das Aroma gesellschaftlicher Erdung in das elitäre "Klübchen" ein, die "staatspolitische" Dimension, die Rauball für sich ebenfalls in Anspruch nehmen möchte.

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Wer allerdings dem Menschen Reinhard Rauball nahekommen möchte, wird dies nicht im politischen Diskurs erreichen. Er sollte vielmehr "Ahnung von Fußball" haben. 1979, mit 32 Jahren, wurde Rauball Präsident von Borussia Dortmund. Der jüngste Bundesligapräsident, den es je gab. Und das in einer Stadt, in der der Stellenwert dieses Amtes deutlich über dem des Oberbürgermeisters rangiert. Rauball war auch der erste Bundesligaboß, der gegen die eigene Profimannschaft spielte. Bei einem Freundschaftsspiel seines "eigentlichen" Klubs, Eintracht Dortmund, gegen den BVB. Rauballs Kreisligatruppe unterlag zwar mit 0:9. Der Präsident und Spieler Rauball wertete das jedoch als Erfolg: "Wir haben eine zweistellige Niederlage vermieden, und unser bester Mann hat gegen mich gespielt."

Nichts hat Reinhard Rauballs Karriere im Sportrecht so begünstigt wie die (bis heute allseits gepriesene) Amtszeit bei Borussia Dortmund. Auch er sieht es so. "Ich habe unglaublich viele Leute kennengelernt, habe gelernt, einen Apparat, ein Unternehmen zu führen." Etwas Negatives habe er in seiner Zeit als Bundesligapräsident auch gelernt: "Sich, wenn es sein muß, zu verstellen." Als er, nach einem katastrophalen Intermezzo seiner Nachfolger, noch einmal kurz auf den Chefsessel des plötzlich hochverschuldeten Klubs zurückkehrte, feuerte er zunächst Manager und Trainer. "Damals", gibt er zu, "hätte ich den Trainer gerne gehalten. Aber wir mußten den Gläubigern und der Stadt einen reinen Tisch vorweisen. Niemand von der alten Führungscrew durfte noch dabeisein. Deshalb mußte auch der Trainer gehen. Das ist auch im Sport so." Machiavelli in der Bundesliga.

Wesentlich lieber wendet Rauball Finten allerdings auf dem Rasen an. Ein-, zweimal die Woche spielt Rauball "mit der Traditionsmannschaft von Borussia Dortmund, meist auf irgendwelchen Dörfern". In der Regel gewinnen die gereiften BVB-Altstars haushoch. "Nach dem Spiel gehen wir zusammen mit den Gegnern einen trinken. Und zwar immer in der ersten Kneipe links, Richtung Dortmund. Egal, wo wir sind."

Rauball verdankt seine Medienpräsenz dem Engagement im Sportrecht. Aber im Kanzleialltag versteht er sich eher als diskreter Wirtschaftsjurist. Nebenbei hat er Hermann Heinemann, Exminister und graue Eminenz des mächtigsten SPD-Bezirks Westliches Westfalen, vor dem Landtagsuntersuchungsausschuß vertreten. Und für einen VEW-Manager hat er einen von bundesweit nur drei Freisprüchen in einem der Parteispendenprozesse herausgeholt. Der Kontakt zu Wolfgang Clement, Johannes Rau und zur kompletten nordrhein-westfälischen Sozi-Kamarilla ist bestens. Aber auf die Frage, ob ihn die Politik nicht reizen würde, lächelt er nur vielsagend. "Solange es dort weniger um Kompetenz als um Präsenz geht..."

Bei Licht betrachtet aber stellen seine Sportfälle klug ausgewählte Grenzfälle der politischen Psychologie heraus. Im Fall Krabbe etwa hat er in seine Strategie geschickt jene Verschwörungstheorie einbezogen, daß Katrin Krabbe als eine der letzten Galeonsfiguren des alten DDR-Systems vorgeführt werden solle. Nach dem Krabbe-Fall hat er freilich alle weiteren Anfragen zur Vertretung dopingverdächtiger Sportler kategorisch abgelehnt. Denn "das hätte so ausgesehen, daß ich, als ein Mann des Sports, all diejenigen wieder rauspauke, die gegen die Regeln des Sports verstoßen".

Auch in der Schadenersatzsache Eichberg gegen den Spiegel ist sich Rauball bewußt, daß es um wesentlich mehr als um ein paar Millionen Mark geht. Seine Vertretung des mehrfachen Klinikbesitzers und Fußballpräsidenten (ausgerechnet beim ärgsten Dortmund-Rivalen Schalke) soll zu einem Durchbruch "für das Persönlichkeitsrecht und gegen die Pressefreiheit" in Deutschland beitragen. Natürlich müsse über Polit- und Wirtschaftsskandale weiterhin auch dann berichtet werden, wenn es nur einen Anfangsverdacht gebe. Das sei die wichtigste Aufgabe der Presse. Aber die Vermögensverhältnisse eines Privatmanns wie Günter Eichberg hätten nichts mit dem politischen Auftrag der freien Presse zu tun.

Seine Kumpels beim Fußball werden es ihm ein bißchen übelnehmen. Wie kann man als Dortmunder einen Schalker vertreten? Unmöglich, so was. Aber Reinhard Rauball übersteht das. Im Kofferraum seines Wagens hat er immer zwei fix und fertig gepackte Taschen. Eine für Fußball, eine für Tennis. Irgend jemand ruft immer an und fragt, ob er nicht mitspielen wolle. Ganz schnell, gleich jetzt. Solche Termine sind die wichtigsten. Oder wenn Wolfgang Clement anruft. Obwohl der keine Ahnung von Fußball hat.