Von Theo Sommer

So recht weiß keiner mehr, wann er gekommen ist. Sein erster Beitrag stand vor vierzig Jahren in der ZEIT, den ersten Mitarbeitervertrag bekam er 1968, fest angestellt war er nie. Aber im Laufe der Jahre verschmolz Ben Witter mit der Redaktion. Serie um Serie entsprang seinem Kopf, als ZEIT-Reporter lief er sich, mit beiden Händen tief in den Taschen, buchstäblich die Schuhsohlen ab. Und allmählich wurde er vielen zur Autorität, zur Auskunftsperson, zum Ratgeber, Tröster, Nothelfer. Es war, als sei er immer schon dagewesen: ein Stück Urgestein.

Er habe im Hamburger Pressehaus nicht einmal einen Nagel, an den er seinen Hut hängen könne, pflegte Ben Witter gelegentlich zu brummein. Er trug freilich selten einen Hut. Und als eingefleischter Peripatetiker war er sowieso stets unterwegs: von Ressort zu Ressort, von Stockwerk zu Stockwerk. Aber in der Großen Konferenz am Freitagnachmittag hatte er seit Jahren seinen Stammplatz, gleich rechts vom Eingang unter den Lichtschaltern und den Knöpfen der Klimaanlage, die er mit der Virtuosität eines son-et-lumière-Technikers bediente.

Große Konferenz ohne eine Botschaft von Ben – das wäre gewesen wie Samstagabendfernsehen ohne Wort zum Sonntag. Ob die Redaktion sich in eine Problemdebatte verhakelte oder ein Diskussionsgast ihn mit seinen Bemerkungen erregte, er meldete sich. Wenn er sprach, richtete sich sein wuchtiger Körper im Sessel auf, die Falten seiner hohen Stirn kerbten sich noch tiefer ein, sein voller Baß schwoll zu Bühnenlautstärke an. Er verstand sich durchaus darauf, Darstellung und Selbstdarstellung in eins fließen zu lassen. So vermittelte er Grundlegendes und Grundsätzliches, Hintersinniges und Hinterfotziges, Erfahrung und Haltung.

Eine Botschaft pro Woche: Im nachhinein erst enthüllt sich, daß Ben Witter da in freitäglichen Tranchen sein Vermächtnis preisgab. "Verdammt noch mal, wir müssen eben alle gute Artikel schreiben", polterte er am Freitag voriger Woche. In das nachdenkliche Schweigen hinein schob er nach: "Das hab’ ich aber mal schön gesagt!" Befreiendes Gelächter. Achtundvierzig Stunden später blieb sein Herz stehen – fünf Wochen, ehe er 74 geworden wäre.

Ben Witter hat über viele Hamburger Originale geschrieben: Knastis und Kalfaktoren, Parkwächter, Portiers und Putzfrauen, Bugsierleute und Bordellwirte. Er war selber ein Hamburger Original: geboren zwischen Landungsbrücken und Kiez, aufgewachsen zwischen Bierverlagen und Zeitungsverlagen. Nach der Schule lernte er Buchhändler und Antiquar, studierte in Heidelberg Zeitungswissenschaften und wurde Lokalredakteur beim Hamburger Fremdenblatt. Dort wurde er allerdings schon bald geschaßt – er hatte ausgerechnet zum zehnten Gründungstag der NSV (Nationalistische Volkswohlfahrt) ein selbstverfaßtes Gedicht "Der Bettler" ins Blatt gerückt. Schreibverbot und Ausschluß aus der Reichspressekammer waren die Folge. Als "untragbarer Intellektueller" mußte er fortan Leichen aus dem Bombenschutt graben.

Nach dem Kriege durfte er wieder Journalist sein. Er begann als Chefreporter bei der Welt, wurde Hörfunkautor beim NWDR und später NDR, kam schließlich zur ZEIT. Skurriles entfloß seiner Feder und Vergnügliches, Abgründiges und Poetisches, Bissiges und Melancholisches. Er konnte eine ganze Welt aus winzigen Details hervorbringen, ein Universum aus sparsamen Andeutungen bauen. Dabei war er ein Meister vieler Formen. "Nebbich" und "Angetippt" hat er in den Spalten der ZEIT veröffentlicht, "Tagebuch eines Müßiggängers", "Nachrichten aus der Unterwelt", "Nachts, wenn wir schlafen", vor allem jedoch seine "Spaziergänge mit Prominenten".