Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau

Wladimir Wolfowitsch Shirinowskij streckt jedem seine Hand entgegen. Sie ist weicher und fleischiger, als seine straffen Ehrenbezeugungen erwarten lassen. Seine Antworten kommen wie aus der Pistole geschossen. Jedem das Seine und Shirinowskij für uns alle: "Die Deutschen? Beste Beziehungen, dreimal dagewesen. Grüßen Sie Gerhard Frey. Wir müssen nach vorne schauen. Was war, ist gewesen. Die Verwandten meiner Frau haben unter der Belagerung Leningrads furchtbar gelitten. Deshalb: gegen Faschismus, gegen Kommunismus. Auf uns ist Verlaß. Wir werden die ruhigste Fraktion im Parlament sein. Hier, nehmen Sie mein neues Buch ‚Drang nach Süden‘!"

Der mittelgroße Mann mit dem kräftigen Nacken reißt die Hand in die Höhe, den Arm halb gestreckt, die Faust leicht geballt. Die Riesenleinwand im Kreml-Saal zeigt ein weiteres lokales Wahlergebnis mit Shirinowskijs Liberal-Demokratischer Partei turmhoch an der Spitze. "Sie waren ja 1990 beim Gründungsparteitag. Jetzt wissen Sie Bescheid. Sieg! Hurra!" Ein Dutzend Männer und Shirinowskijs Frau springen vom Tisch auf: "Hurra! Hurra! Hurra!"

Fast tonlos flüstert ein geschockter russischer Journalist: "Das wollten die Deutschen im Dezember 1941 im Kreml brüllen. Die Kälte und die verzweifelte Not der Russen haben damals den Faschismus gestoppt. Jetzt haben die Russen ihn selbst zum ersten Mal ins Land gebracht." Mischa Poltoranin, Jelzins großer, getreuer Propaganda- und Medienmann, sagt wenig später: "Der Faschismus ist durch die Türen eingezogen, die wir Demokraten selbst geöffnet haben mit unseren Spaltungen aus Ehrgeiz und Eifersüchteleien."

Das Fernsehzentrum Ostankino, das noch vor zwei Monaten so blutig umkämpft wurde, hatte am Samstag Rußlands erste Wahlparty als Beginn einer freien, heilen Welt inszenieren wollen. Pompöses Motto des Kreml-Festes: "Die Verfassung begrüßt das neue politische Jahr." Doch das Wintermärchen des alten und neuen Rußland – eine junge Generation an Wahlcomputern und hinter den Scheiben des Kreml-Palastes die goldenen Kuppeln der Tjerem-Kirchen im rieselnden Schnee – wurde zum Alptraum. Die Computer befiel schon bald ein "Virus", weil die Regisseure die schwarzen Zahlen nicht mehr auszustrahlen wagten, die Shirinowskijs Nationalisten permanent mit doppelten Stimmanteilen vor der Regierungs- und vermeintlichen Siegerpartei Rußlands Wahl in Front zeigten.

Fröstelnd in der nur noch künstlichen Fröhlichkeit, begriffen die Demokraten im Saal, daß bei diesen Ergebnissen selbst Jelzins neue Verfassung nur von Shirinowskijs Gnaden angenommen worden war. Der hatte seine Wähler für sie mobilisiert, weil sie mit ihren präsidialen Ermächtigungen seinem Führertraum entgegenkommt. Um 0.23 Uhr am Montag verkündete Präsidentensprecher Kostikow, das neue Grundgesetz sei durchgekommen. Die strohblonde Chefmoderatorin im grünen Tüllrock erhob ihr Colaglas: "Lassen Sie uns darauf trinken und heute nicht mehr von Politik reden." Kapellen spielten, Astrologen beschwichtigten, Zuschauer dichteten: "Gott wird Rußland und die Sonne darüber nicht untergehen lassen."