Von Ulrich Greiner

Ich habe den schwedischen König gesehen, und das kam so. Die Festgäste saßen plaudernd und erwartungsfroh an ihren Tischen, die Damen in langer Robe, die Herren im Frack, als plötzlich schmetternde Fanfaren die Wolke des Stimmengewirrs zerstäubten und ein großes Schweigen eintrat. Alle erhoben sich von ihren Plätzen, und aller Augen richteten sich hinauf zur Galerie, wo eben der Festzug durch ein Portal den Saal betrat, die ganze unendliche Länge der Galerie feierlich entlangzog und dann die Treppe hinab, die sich von der Mitte der Stirnwand wie eine Kaskade in den Saal ergoß, und da sah ich den schwedischen König, die schwedische Königin (ihre Krone war nicht groß, aber sie funkelte wie eine Wunderkerze), die Nobelpreisträger, allen voran eine machtvolle schwarze Diva, die Schriftstellerin Toni Morrison, und dann die vielen Herren der Schwedischen Akademie und der Akademie der Wissenschaften, die Minister und die Würdenträger.

Der Festzug nahm Platz an dem langen Tisch, der den Saal in zwei symmetrische Hälften teilte und mit 88 goldenen Tellern und mit 352 goldenen Gläsern gedeckt war. Ein neuer festlicher Zug strömte die Treppe hinab, leichtfüßig und rasch, Hundertschaften von Kellnern mit Hunderten von Champagner-Flaschen, deren vielhundertfaches knallendes Entkorken in einer der verzweigten Räumlichkeiten des gewaltigen Stockholmer Stadthauses unbemerkt geschehen sein mußte, nahmen Aufstellung zu beiden Seiten des königlichen Tisches und begannen auf ein geheimes Signal hin die 1288 goldenen Champagner-Gläser zu füllen, um sich danach unauffällig zurückzuziehen, während der König sich erhob und vernehmlich sagte: „Ich erhebe mein Glas zu Ehren von Alfred Nobel“ (welches er zuerst auf schwedisch und dann auf englisch sagte), und alle 1288 Gäste erhoben ihre Gläser und tranken auf Alfred Nobel.

Immer wenn im Verlauf des Banketts einer der Preisträger zu seiner Dankadresse gebeten wurde, trat ein Herold, angetan mit der blaugelben Schärpe, hervor und rief ihn auf im Namen des Königs, und eine Dame, die blaugelbe Schärpe überm schulterfreien Abendkleid und ein irgendwie schräges Käppi auf dem Haar, schritt zum Königstisch und holte ihn ab, und während der Nobelpreisträger oder die Nobelpreisträgerin sich hinauf auf die Treppe begab, wo eine kleine Rostra war, senkten die Vertreter der schwedischen Studentenverbindungen, die auf der Galerie standen (immer abwechselnd ein Mädchen und ein junger Mann und alle mit blaugelber Schärpe), die prächtigen Fahnen ihrer Burschen- und Mädchenschaft zu Ehren des Preisträgers.

Meine Tischdame zur Linken, die überaus anregende Kollegin von Dagens Nyheter, die das Zeremoniell mit einiger Ironie, aber nicht ganz ohne Stolz, verfolgte, fragte mich, was ich als Ausländer, als Deutscher von alldem halte, und ich antwortete etwa wie folgt, wobei ich nicht sicher bin, mich völlig verständlich gemacht zu haben, was ja vielleicht sowieso nie gelingt: Daß wir Deutschen mit diesen Traditionen Schwierigkeiten hätten, weil solche Dinge wie Fahne, Nationalfarbe und -hymne oder auch Uniformen und Ehrenzeichen mit dem Grundverdacht undemokratischer, rechtskonservativer Haltung belegt seien, was eben daran liege, daß die deutsche Bourgeoisie mit dem Nationalsozialismus ihren Niedergang und Bankrott herbeigeführt habe, und daß es letztlich erstaunlich sei, wie leicht es den deutschen Studenten 1968 gelungen sei, die halbherzig restaurierten Reste bürgerlichen Selbstverständnisses zu demontieren und das Ritual der Talare ein für allemal unmöglich zu machen.

Ich müsse aber zugeben, daß mir die schwedischen Rituale gefielen, weil sie einen Sinn für die Notwendigkeit der Form verrieten, die völlig akzeptiert und eben deshalb nicht völlig ernst genommen werde, denn dieses Bankett wie auch die vorausgegangene Verleihungszeremonie in der Musikhalle, wo die Stockholmer Philharmoniker ein absurd-amüsantes musikalisches Potpourri zum besten gegeben hatten, empfinde ich als eine beschwingte, unpathetische und nicht völlig ernste Selbstfeier, die ich mir derart in Deutschland nicht vorstellen könne, weil dort entweder alles ganz formlos oder aber pathetisch und dick und schwer- und selbstgefällig gerate.

Noch heute erzählt man sich in Stockholm, wie Heinrich Böll, der 1972 den Nobelpreis erhielt, sich bis zuletzt weigerte, dem vorgeschriebenen Frackzwang zu folgen und, als man ihn endlich am Verleihungstag überredet hatte, nur noch, weil alle anderen ausgeliehen waren, einen viel zu weiten und zu langen Frack bekommen konnte, dessen Hosenbeine umgeschlagen werden mußten, was aber niemand übelnahm, auch nicht der schwedische König. Es mag übrigens dem listigen Böll gerade die Tatsache des zu langen und zu weiten Fracks sehr gefallen und ihn mit dem Frackzwang versöhnt haben.