Von Rolf Degen

Seit den turbulenten sechziger Jahren, als die britische "Bohnenstange" Twiggy mit ihrem ätherischen Look neue modische Maßstäbe setzte, treten immer mehr heranwachsende Mädchen in den pubertären Hungerstreik. Wissenschaftler hielten die "Anorexia nervosa" bisher stets für eine originär psychosomatische Krankheit, die von der Macht des Geistes über den Körper zeuge. Neue Befunde rütteln an diesem einseitigen Ursache-Wirkungs-Verständnis. Zumindest teilweise wird der fanatische Schlankheitswahn offenbar durch eine Fehlsteuerung in der rechten Gehirnhälfte gelenkt.

Die spindeldürren Anorektikerinnen, denen es auf irrationale Weise vor jeder Gewichtszunahme graut, stellen erbarmungslos ihren Nahrungstrieb zurück. Obwohl sie zuweilen lebensgefährlich abmagern, finden sie ihre Figur normal oder entwickeln gar die paranoide Vorstellung, zu dick zu sein. Wenn sie doch einmal eine "Sünde" begehen, werden sie umgehend von Bauchweh und Völlegefühl heimgesucht. Bis Mitte der sechziger Jahre standen die psychoanalytischen Deutungen der Anorexia fast konkurrenzlos im Vordergrund. Die Jünger Freuds schufen die Theorie, daß sich hinter der dürren Fassade eine tiefe Furcht vor der reifen weiblichen Geschlechtlichkeit verberge. Aus Angst, Frau zu werden, zögen sich diese verunsicherten Mädchen in den goldenen Käfig einer engelsgleichen, asexuellen Körperlosigkeit zurück. Der "Flirt mit dem Tod" entspringe zugleich dem Wunsch, "gar nicht da" zu sein, weil eine "anorektogene" Mutter Zweifel an der eigenen Existenzberechtigung gezüchtet habe. Aus der Sicht der Familiendynamik handelt es sich dagegen bei der Magersucht um einen "Blitzableiter", der die unaufgearbeiteten Spannungen in einem gestörten familiären System abfängt. Soziologen machen schließlich geltend, daß viele Magersüchtige das vorherrschende weibliche Schlankheitsideal quasi in die falsche Kehle bekommen haben.

Die Verbreitung der Anorexia nervosa, die meist im Alter zwischen zwölf und sechzehn Jahren ausbricht, wird auf 1:800 bis auf 1:100 geschätzt, Tendenz steigend. Männliche Patienten bilden die Ausnahme und sind bestenfalls mit fünf Prozent im gesamten Kollektiv vertreten. Es gibt mehrere epidemiologische Eckdaten, die auf den ersten Blick auf rein seelische Ursachen hindeuten, erläutern die beiden kanadischen Psychologen Claude Braun und Marie-Josee Chouinard in Neuropsychology Review (Bd. 3, S. 171 ff.). So häufen sich die Krankheitsfälle sowohl in den entwickelten Industrienationen als auch in den oberen Sozialschichten, in denen besonders strikt auf "Linientreue" geachtet wird.

Magersüchtige, deren Intelligenz über dem Durchschnitt liegt, sind zudem vermehrt in bestimmten Professionen (zum Beispiel dem Ballett) konzentriert und verdienen sich im akademischen Bereich auffallend viele Meriten. Auf der andern Seite bleibt offen, wieso die überwiegende Mehrheit der Frauen keine Eßstörungen entwickelt, obwohl sie den gleichen gesellschaftlichen Suggestionen unterworfen ist. Der Blick auf die Kulturgeschichte beweist außerdem, daß die Magersucht bereits in früheren Epochen existierte, beispielsweise als religiöse Neurose oder als eine theatralische Manie von Backfischen.

Eine ganze Reihe neuer Befunde läßt kaum noch Zweifel, daß zumindest die Anfälligkeit für die anorektische "Geschmacksverirrung" durch biologische Risikofaktoren vorbereitet wird, schreiben die beiden Autoren. Die Wahrscheinlichkeit, daß der genetische Doppelgänger eines erkrankten eineiigen Zwillings die Diagnose Anorexia teilt, beträgt je nach Studie zwischen 35 und 56 Prozent. Bei zweieiigen Zwillingen beläuft sich diese Konkordanz gerade einmal auf fünf Prozent. Verwandte ersten Grades tragen zudem ein sechsfach erhöhtes Krankheitsrisiko. Zu einer massiven genetischen Disposition kommen aber auch noch auslösende Faktoren aus der "perinatalen" Phase hinzu. Die Analyse von Klinikakten belegt, daß zwischen 15 Prozent und 38 Prozent aller späteren Magersüchtigen vor und während der Geburt Komplikationen durchmachten, die das Gehirn in Mitleidenschaft zogen.

Weiterhin leiden überdurchschnittlich viele Magersüchtige zusätzlich an seelischen Störungen, die ihrerseits unter biologischem Einfluß stehen. Die Anorexia geht sehr häufig mit Depressionen einher. Allerdings fallen etwa zwanzig bis fünfzig Prozent aller Betroffenen erst nach einer Gewichtszunahme der Schwermutkrankheit zum Opfer.