Von Janusz Tycner

Ein Redaktionszimmer mit drei Kolleginnen zu teilen ist kein leichtes Brot. Sollte jemals in unserer Warschauer Zeitung ein Mode-Ressort eingerichtet werden, der Verleger müßte mich, den Meister der spontanen Begeisterung, den Spezialisten für grenzenlose Bewunderung, auf den Chef-Posten berufen. Mir gefällt grundsätzlich alles: ob neuer oder alter Hut, ob langer Schal oder kurzer Schal, das maßgeschneiderte Kleid oder das von der Stange. Und jetzt also sie.

Am Tag nach dem ersten öffentlichen Auftritt der neuen Pressesprecherin des Ministerpräsidenten wurde gefragt: "Hast du diese Schönheitskönigin gestern im Fernsehen gesehen?" Das Wörtchen "diese" hätte mich sofort hellhörig machen sollen, aber wie es eben so ist: Die Druckerei am Telephon, den Umbruchredakteur am Hals, den Stapel eiliger Korrekturen auf dem Schreibtisch, geriet ich, seit Jahr und Tag darauf dressiert, unverzüglich ins Schwärmen. "Ja, herrlich diese Frau. War vielleicht kein schlechter Einfall. Figur tadellos. Elegant. Dazu der dezente Schmuck und das unauffällige Make-up..." Die drei Kolleginnen in der Redaktionsstube widersprachen energisch. "Typisch Mann, wie kannst du dich nur so blenden lassen." Waren Ewa Wachowicz’ Haare während ihrer ersten Pressekonferenz nicht viel zu hoch gesteckt? Ihre Absätze zu flach? Das Kostüm mindestens zwei Töne zu grell? Die Bluse "o Gott, o Gott"? und überhaupt, ist es die Schönheit allein, die den Topf zum Kochen bringt?

Es war schon ein teuflischer Einfall von Ministerpräsident Waldemar Pawlak, künftig Miss Polonia 1992 und stellvertretende Miss World 1993 für sich sprechen zu lassen. So manch polnische Familie, Büro-, und Betriebsbelegschaft wurde dadurch entzweit. Nur wenige Frauen, so kürzlich ein Psychologe in einer der Warschauer Boulevardzeitungen, können es mit ihr aufnehmen, ohne von Minderwertigkeitsgefühlen befallen zu werden. Leidtragende sind dann unschuldige Menschen wie ich.

Daß der maskuline Teil der Nation an dieser ungewöhnlichen Personalentscheidung wenig auszusetzen hat, liegt auf der Hand. Aber auch hier lauern Gefahren. Ob Inhalte, die im Auftrag des äußerst wortkargen Regierungschefs von der Schönsten des Landes unter das Volk gebracht werden sollen, von den weniger Schönen auch wirklich wahrgenommen werden? Zwar beruhen die Qualifikationen der 23jährigen Ewa, wie es von offizieller Seite immer aufs neue beteuert wird, nicht (ausschließlich) auf ihren Maßen, aber der Ablenkungseffekt ist nun mal erheblich. Jedenfalls geriet die erste Pressekonferenz der schönen Sprecherin zum größten Medienspektakel seit der dramatischen Wahlnacht vom 19. September, als klar wurde, daß Pawlaks Bauernpartei und die gewendete kommunistische Linke mit großen Versprechen die meisten Wähler ködern konnten.

Ewa Wachowicz erschien, wie es sich für einen Star gehört, mit fünfminütiger Verspätung. Und sie verlor auch nicht die Fassung, als sie im Blitzlichtgewitter ihre Verbundenheit mit dem Lande bekundete, mit ihrem kleinen Heimatdorf Kleczaßny am Rande der Tatra, dort wo sie Kühe weidete und molk, Traktor fuhr, und wo ihre Eltern einen fünf Hektar großen Hof bewirtschaften. Während die Sprecherin so sprach, kursierten im vollbesetzten Konferenzsaal des Ministerratsgebäudes Exemplare einer Illustrierten. Eine barbusige Magd, an einen Trecker gelehnt, fragt: "Bin ich etwa nicht qualifiziert genug, Pawlaks Pressesprecherin zu sein?"

Auf diese und ähnliche Art hat Ewa Wachowicz in den letzten Tagen schmerzlich zu spüren bekommen, daß keine Nachsicht erwarten darf, wer in die Öffentlichkeit tritt. Möglicherweise werden für die von ihrem Dekan beurlaubte Krakauer Lebensmitteltechnologiestudentin schon bald noch härtere Zeiten anbrechen. Dann nämlich, wenn sie der Öffentlichkeit erläutern muß, warum das Warten auf die im Wahlkampf versprochenen sozialen Wohltaten vergeblich ist. Denn was ist schon Schönheit, wenn die Rentenanpassung ausbleibt? Des Volkes Zorn wird sie dann nicht bändigen.