Von Horst König

Jonathan Swifts Parabel von Gulliver, der auf einer Entdeckungsreise von Tausenden kleiner Stricke gefesselt und gleichsam paralysiert wird, beschreibt treffend die Situation des Forschungsstandorts Deutschland. Die forschungsintensiven deutschen Industriezweige, insbesondere die chemische Industrie, werden durch viele "Stricke" wie Zulassungs- und Genehmigungsverfahren zunehmend bewegungsunfähig gemacht. Die absehbaren Auswirkungen auf die Standortqualität sind beträchtlich.

Der Erfolg der deutschen chemischen Industrie und ihre bislang international führende Rolle hat mehrere Gründe. So besteht seit Mitte des vorigen Jahrhunderts ein intensiver Austausch zwischen der Grundlagenforschung an den Hochschulen und der Industrieforschung. Die chemische Industrie gibt zudem sehr viel Geld für die Forschung aus; allein 1992 waren es 11,8 Milliarden Mark. Ausländische Märkte wurden früh erschlossen. Die deutsche Chemieindustrie ist bis heute Exportweltmeister. Sie erwirtschaftete im vergangenen Jahr mit knapp 600 000 Mitarbeitern bei einem Umsatz von 170 Milliarden Mark einen Exportüberschuß von 30 Milliarden Mark.

Doch das scheinbar heile Weltbild gerät zunehmend ins Wanken: Die deutsche Chemie begegnet heute einem intensiven globalen Wettbewerb. Dies gilt in Westeuropa, den Vereinigten Staaten und Japan vor allem für High-Tech-Produkte. Aufgrund von Dollarschwäche und Problemen auf dem eigenen Markt bauten amerikanische Chemiefirmen ihren Exportanteil in den vergangenen Jahren aus. Die Zukunftsvisionen japanischer Chemiefirmen strotzen geradezu vor Selbstvertrauen und Aggressivität. Die Expansionspolitik der japanischen und der amerikanischen Chemie wird zusätzlich dadurch begünstigt, daß die jeweiligen Regierungen Innovationen verstärkt fördern. Hinzu kommt, daß in japanischen Großkonzernen mehrere Branchen unter einem Dach vereinigt sind – ein großer Vorteil bei den an Bedeutung zunehmenden branchenübergreifenden Innovationen. So können beispielsweise Elektronik, Kraftfahrzeugbau und Chemie viel effizienter zusammenarbeiten.

Reichlich vorhandene Rohstoffe und günstige Energiepreise ermöglichen den industriell aufstrebenden Ländern Südostasiens und der Golfregion einen effizienten Wettbewerb bei Petrochemikalien und Kunststoffen – durchweg wichtige Umsatzträger der deutschen Chemie. Niedrigere Steuern und Personalkosten in den genannten Ländern tun ein übriges.

In Osteuropa und einigen außereuropäischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion führen extreme Währungsrelationen, niedrige Lohnkosten und der Bedarf an Devisen zu aggressivem Preisverhalten auf deutschen und anderen Märkten. Da der Binnenmarkt im ehemaligen Ostblock häufig nicht mehr existiert, ist die ruinöse Preispolitik auf westeuropäischen Märkten noch nicht einmal Dumping im klassischen Sinn.

Wesentlich niedrigere Sicherheits- und Umweltauflagen in einigen Wirtschaftsgebieten verschärfen die Situation für die deutsche Chemie zusätzlich. Durch dieses sogenannte Ökodumping gehen Märkte und letztlich Arbeitsplätze verloren. Davon profitieren die Hersteller aus der Dritten Welt; die globale Ökologie leidet jedoch darunter, weil in diesen Ländern Know-how, das Geld und oft auch der Wille fehlen, selbst ältere deutsche Standards einzuhalten.