Schon wieder Streit ums Essen: Das Deutsche Tierhilfswerk prangert Gänsestopfleber als Delikatesse aus der Folterkammer" an. Radikale Tierschützer bedrohen die Chefs besternter Restaurants, und wer im Freundeskreise zugibt, foie gras zu mögen, gilt als Rohling.

Bei genauerem Hinhören sind freilich schrille Obertöne vernehmbar. Die fette Leber wird beschrieben, als sei sie per se ein ekles Produkt, das ohnehin nur Perverslinge delikat finden können. Auch daß sie teuer ist, wird ins Feld geführt. Und wer darauf verweist, daß der Präsident des französischen Tierärzteverbandes die Stopfmast verteidigt, der bekommt gar zu hören: "Kein Wunder, der ist ja Franzose." Wieviel Vorurteil gegen welsche Schlemmer, die gutes Geld für Genüsse jenseits des Vertrauten ausgeben, spielt in diese Anwürfe wohl hinein?

Dabei ist die Kritik durchaus ernst zu nehmen. Die brutale, auf Massenproduktion zielende Praxis in ungarischen Betrieben sollte jeden Liebhaber von Stopfleber veranlassen, die Produkte dieses Landes zu meiden. Doch was ist mit der französischen, der besten foie gras? Weil sie höchste Qualität anstreben, legen französische Produzenten meist Wert darauf, daß ihre Gänse frei herumlaufen und daß die Tiere so schonend wie möglich gefüttert werden. Auch deutsche Tiermediziner räumen ein, daß dabei keinerlei Anzeichen für Qual oder Schmerz auftreten.

Freilich ist selbst sanftes Stopfen nicht artgerecht. Schon deshalb ist nicht auszuschließen, daß die Tiere leiden. Überdies müssen sie beim Füttern festgehalten werden und empfinden deshalb, so scheint es zumindest, Angst. Auch das gilt sinnvollerweise als "leiden" im Sinne des deutschen Tierschutzgesetzes und muß deshalb durch stärkere Notwendigkeiten gerechtfertigt sein.

Damit betreten wir rein normatives Gebiet. Nach herrschender Ansicht ist foie gras Luxus, ist also nicht nötig. Nun ja, wie nötig ist denn das Frühstücksei aus der Massentierhaltung? Die Unbill, die umsichtig gestopfte Gänse erleiden, ist weitaus geringer als das Alltagsschicksal von Millionen anderer Tiere, die für weniger exklusive Nahrungsmittel herhalten müssen, vom Hähnchen bis zum Hering.

Die Humanität gewänne, wenn wir Esser, ob kulinarisch engagiert oder nicht, gründlicher als bisher über den Umgang mit Lebewesen nachdächten, anstatt bedenkenlos zu Messer und Gabel zu greifen. Schildkrötensuppe und Froschschenkel sind ausdiskutierte Fälle. Den Tierschützern ist zu verdanken, daß wir uns nun auch über die Stopfleber auseinandersetzen müssen. Nur, bitte, nicht an Tischen, auf denen Koteletts aus der Massentierhaltung landen.

Gero von Randow