Von Romani Rose

HEIDELBERG. – Der 16. Dezember ist für die Sinti und Roma in Europa ein tragischer Gedenktag. Am 16. Dezember 1942 unterzeichnete Himmler den sogenannten Auschwitz-Erlaß, aufgrund dessen von März 1943 an über 22 000 Sinti und Roma aus elf Ländern Europas – darunter 10 000 deutsche Sinti und Roma aus dem "Reichsgebiet" – in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert wurden. Bis August 1944 ermordete die SS 20 000 von ihnen.

Diese "Endlösung" hatte Himmler am 8. Dezember 1938 als "grundlegende Regelung der Zigeunerfrage aus dem Wesen der Rasse heraus" angekündigt. Am 3. Januar 1936 schon hatte Reichsinnenminister Frick verfügt: "Zu den artfremden Rassen gehören in Europa außer den Juden regelmäßig nur die Zigeuner." Die Jüdischen Gemeinschaften und die Sinti und Roma wurden im gesamten Einflußbereich der Nationalsozialisten als einzige systematisch und familienweise vom Kleinkind bis zum Greis ermordet – nicht nur in den Konzentrationslagern, sondern auch bei Massenerschießungen und mit mobilen Vergasungswagen der SS-Einsatzgruppen auf dem Balkan und hinter der Ostfront.

Fünfzig Jahre nach dem Ende dieser Verbrechen erinnert in Deutschland kein einziges nationales Holocaust-Mahnmal an zentraler Stelle, in der Hauptstadt Berlin, an diesen in der Geschichte einmaligen Völkermord an 500 000 Sinti und Roma und sechs Millionen Juden. Der Beschluß des Berliner Senats, südlich vom Brandenburger Tor auf dem Grundstück der Bundesregierung neben der künftigen Botschaft der Vereinigten Staaten das nationale Holocaust-Mahnmal zum Gedenken an die in Europa ermordeten Juden zu errichten, kann deshalb nicht alleine stehenbleiben. Der genau gleiche Beschluß ist jetzt für die Errichtung des Mahnmals für die in Europa ermordeten Sinti und Roma auf dem gleichen Grundstück der Bundesregierung erforderlich. Eine Ausgrenzung und Abschiebung des Holocaust-Mahnmals für die ermordeten Sinti und Roma an irgendeinen anderen Platz in Berlin wird der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma nicht zulassen. Es gibt keinen Alleinvertretungsanspruch auf das nationale Gedenken an dieser Stelle, wie es nachträglich der Zentralrat der Juden in Deutschland verlangen möchte. Die Einmaligkeit des Holocaust heißt, daß beide Gedenkstätten an dieser Stelle gleichzeitig errichtet werden müssen.

Richtig ist die öffentliche Erklärung des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, daß die beiden Mahnmale an dieser Stelle in Berlin in räumlicher Nähe und in gestalterischer Verbindung zueinander errichtet werden sollen. Deshalb muß durch die Konzeption beider Mahnmale sichergestellt sein, daß staatliche Gesten der nationalen oder internationalen Trauer und des Gedenkens, daß Feierlichkeiten und Kranzniederlegungen den ermordeten Sinti und Roma wie den ermordeten Juden zuteil werden.

Der Völkermord an den Sinti und Roma und an den Juden wurde zentral im Reichssicherheitshauptamt von der SS-Führung organisiert. Am 14. September 1942 protokollierte Reichsjustizminister Thierack zu einer Besprechung mit Hitlers Propagandaminister Goebbels: "Hinsichtlich der Vernichtung asozialen Lebens steht Dr. Goebbels auf dem Standpunkt, daß Juden und Zigeuner schlechthin vernichtet werden sollen. Der Gedanke der Vernichtung durch Arbeit sei der beste." Als Sklavenarbeiter wurden die "Zigeuner" und Juden in SS-Unternehmen und in den Rüstungsbetrieben von Siemens, Daimler-Benz, AEG, BMW, VW oder IG Farben ermordet. Deshalb sind die Industrieunternehmen verpflichtet, sich an der Errichtung beider Holocaust-Mahnmale in Berlin zu beteiligen.

Bundeskanzler Helmut Kohl und der Berliner Senat müssen nun einen Beschluß der Bundesregierung herbeiführen, damit das nationale Holocaust-Mahnmal für die in Europa ermordeten Sinti und Roma auf dem 20 000 Quadratmeter großen oder entsprechend vergrößerten Gelände geplant und errichtet werden kann. Für niemanden gibt es ein Recht, die Würde unserer Toten herabzusetzen oder das Gedenken an sie auszugrenzen.

  • Romani Rose ist Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg.