Eine Stilmischung, daß es kracht. Die Akademie ist wieder vereint und beginnt sich mit Gefühl selbst zu schikanieren. Immerhin, weiß ist weiß, und schwarz ist schwarz. Wenigstens noch bei Alfonso Hüppi. Was bei seinem Bild mit Holz eigentlich falsch ist, bleibt eine Weile verborgen und macht das Ganze erst gut. Die Schatten sind schief. Sie sind jedenfalls nicht dort, wo sie rechtmäßig hingehören.

Alles gerät durcheinander in der Ausstellung „Akademie 1993“, Generationen, Genres und Zeiten. Man steht vor de Koonings Farbenfitz und Butzmanns prächtigen Plakaten, einen Zickzackgang weiter vor Spoerris vollen Tischen, zuvor bei Rosenhauer und seinen erdigen Farben, einem Videofilm, der leider nicht läuft, lauscht auf Kafkas tickende Sekundenzeiger und hört zufällig Gautels Kuckucksuhr schlagen. Seine Lachzange sieht man erst später. Bei Carlfriedrich Claus ist erwartungsgemäß nichts zu entziffern. Es gibt einen winzigen Raum Nam June Paik, und Mattheuer auch. Bei Dorazio liegen Anfang und Ausgang. 43 Akademiemitglieder, dazu 42 Gäste. Bitte um Vergebung, wenn ich nicht alle erwähne.

Es ist wirklich ein Labyrinth. Die Instinkte bekommen zu Fressen. Flucht bei Gefahr, Lust bei Empfindsamkeit. Es geht, unverhütet sich mischend, zu einem Kunst-Wirrwarr jenseits der Begriffe und Moden. Wirklicher als gewollt, skrupelloser als demokratisch und schöner als normal. Einfach irre. Offenbar springen die Alten noch vor uns Jüngeren über ihre Schatten. Sie gestehen sich den umgekehrten Schlemihl wenigstens ein. Der Schatten hat seinen Körper verloren. Die Kunst ist in der Klemme. Auch die zwiefach deutsche nach der Vereinigung – schwarz vor Ärger, rot vor Wut, gelb vor Neid der einen auf die andern? Das kultivierte Fingerhakeln der Pseudo-Gemeinschaftsausstellungen war ich lange schon leid. Dieses deutsch-deutsche Stottern über das Westauge mit Ostdrall oder den Ostpinsel mit Westallüren. Ich fürchtete schon, es ginge so fort, bis sich die alten Begriffe vollends ausrenken. Nun läßt sich ahnen, daß sich die Kunst am Ende selbst korrigiert. Wo viel Schatten ist, gibt’s auch Licht. (Bis zum 30. Januar 1994, Akademie der Künste, Hanseatenweg 10; Katalog im Henschel Verlag, 58,– DM, 22 Künstlerhefte in Kassette 78,– DM) Thea Herold