Von Fredy Gsteiger

Es passiert nicht alle Tage, daß ein Buch Regierungen zum Sinneswandel zwingt. So eines ist "Grüningers Fall". Es belegt, daß der St. Galler Polizeikommandant Paul Grüninger kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges aus ehrenwerten Motiven Menschenrechte vor Recht gestellt hat. Hunderten, womöglich Tausenden von Juden hat er damit die Flucht aus Nazideutschland in die Schweiz ermöglicht.

Jahrelang hat sich die Kantonsregierung von St. Gallen hartnäckig geweigert, den seinerzeit mit Schimpf und Schande fristlos entlassenen und strafrechtlich verurteilten Polizeichef zu rehabilitieren. Nun mußte sie endlich klein beigeben und Grüninger "Anerkennung und Respekt" für sein Tun zollen – 54 Jahre nach seiner Tat, 21 Jahre nach seinem Tod.

Der Schweizer Historiker Stefan Keller zeichnet kein Bild eines strahlenden Helden. Paul Grüninger erscheint als anständig, korrekt, ja, mit seinem alleweil exakt gezogenen Mittelscheitel und der gestrengen randlosen Brille geradezu als spießbürgerlicher Schweizer. Er war Mitglied der konservativen Freisinnigen Partei, wenngleich "ohne großes Engagement". Er spielte leidenschaftlich Fußball, gab sich gerne dem helvetischen Kartenspiel Jass hin, sang einen schönen Tenor im Männerchor und stand dem Polizeidiensthundeführerverein vor. Paul Grüninger war weder ein Draufgänger noch ein Traumtänzer und auch kein Intellektueller. Er war, wie es in der Eidgenossenschaft heißt, ein guter Schweizer – aber, wie sich herausstellte, war er zudem ein guter Schweizer.

Weder Bestechungsgelder noch "fesche Jüdinnen", wie ihm unterstellt wurde, sondern uneigennützige, couragierte Mitmenschlichkeit bewogen ihn, Urkunden zu fälschen, unrichtige Aussagen zu machen, vorgesetzte Dienststellen zu täuschen und gar aktiv Einreisen von Gefährdeten in die Wege zu leiten.

Und damit fiel er aus der Reihe in dem verängstigten neutralen Land, das getreu dem Motto "Das Boot ist voll" Verfolgte aus dem Dritten Reich alles andere als großherzig aufnahm. Zwischen 10 000 und 15 000 Juden sind an der rettenden Grenze abgewiesen worden. Ende März 1938 verfügte der Bundesrat, die Landesregierung, unmißverständlich: "Abgesehen von der Lage unseres Arbeitsmarktes gebietet schon der Grad der Überfremdung die strikteste Abwehr solcher Elemente. Wenn wir einer unseres Landes unwürdigen antisemitischen Bewegung nichtberechtigten Boden schaffen wollen, müssen wir uns mit aller Kraft und, wo es nötig sein sollte, auch mit Rücksichtslosigkeit der Zuwanderung ausländischer Juden erwehren." Der Chef der Fremdenpolizei in Bern (der "die Verjudung der Schweiz verhindern" wollte), aber auch manche kantonalen Polizeikommandanten, besonders jener im St. Gallen benachbarten Kanton Thurgau (der sich brüstete, "keinen einzigen Juden" hereingelassen zu haben), befolgten die Vorschriften strikt und, wie gefordert, "rücksichtslos".

Paul Grüninger blieb die große Ausnahme. Selbst jüdische Vereinigungen hielten sich häufig bedeckt – aus Furcht, der latente Schweizer Antisemitismus könnte die hier ansässigen Glaubensbrüder gefährden, wenn die Zahl der Flüchtlinge zu groß würde.