Glamour, Glitter und Armut – Seite 1

Von Christian Tenbrock

Am Morgen der Abreise schien es, als wolle sich Miami noch einmal in seinem besten Licht zeigen. In der Nacht hatte es geregnet, die Luft war glasklar, ein blasser, runder Mond stand über den gläsernen Türmen der Innenstadt. Entlang des MacArthur Causeway, der Miami Beach über die Biscayne Bay mit Miami verbindet, schwappte das Wasser in einem dunklen, satten Blau. Fünf weiße Kreuzfahrtschiffe lagen im Hafen vor Anker. Eines hieß Fantasy. Selbst die Blätter der Palmen schienen an diesem Morgen grüner als sonst.

Ganz anders war die Stimmung am ersten Abend gewesen: ein bleiern-grauer Himmel, schwüle Luft, lange Warteschlangen und ständige Sicherheitshinweise bei der Mietwagenfirma am Flughafen. Dann eine Schlägerei in der Nähe des Hotels in South Beach und die ungewollte Begegnung mit zwei Drogendealern in einer Seitengasse des Art-deco-Distrikts. Ähnlich gegensätzlich verliefen die anderen Tage. Glamour und Glitter wechselten mit trüber Armut. Miami ist eine vielschichtige Stadt.

Derzeit versucht sie, ihr schlechtes Image wieder loszuwerden, das sie verfolgt, seit im Frühjahr und im Sommer eine Reihe ausländischer Touristen auf ihren Straßen über den Haufen geschossen wurden. USA Today kürte Miami daraufhin zur "gefährlichsten Stadt der USA", das Reisemagazin Conde Nast gar zur "unfreundlichsten Stadt der Welt". Der Stern schrieb, Mord gehöre offenbar ebenso zum American way of Life wie Hot dogs und Coca-Cola, und der Londoner Evening Standard merkte an, daß Florida ein Stück "Dritte Welt mit Swimmingpools" sei – aber "ohne jegliche Kultur". Das Mediengewitter war vernichtend.

Angeblich auch wirkungsvoll. Seit den letzten Morden – der eine auf einem Parkplatz bei Tallahassee an einem britischen, der andere beim Flughafen Miami an einem deutschen Touristen – habe sich vieles zum Besseren gewandelt, beteuern Polizei und Reisebranche unisono. Patrouillen wurden verstärkt, die Aufklärung der Urlauber vorangetrieben. Straftaten an Touristen seien im Großraum Miami um über 60, in Miami City um 45 Prozent gesunken, berichtet das städtische Visitors & Convention Bureau.

Oberflächlich betrachtet scheint wirklich alles zum besten zu stehen. Zwar blieben nach den Touristenmorden im Sommer die europäischen Touristen weitestgehend weg. Doch die Wintersaison hat begonnen, und dann lebt Florida hauptsächlich von amerikanischen Gästen. Florida, benannt nach dem spanischen Osterfeiertag Pasqua Florida, dem Fest der Blumen, präsentiert sich wie üblich als Land der Strände, Palmen und tropischen Gewässer. In Horden fallen die Menschen in Disneys Mäusereich in Orlando ein. Tausende knattern auf Propellerbooten durch die Everglades. In Miami sind Hafenrundfahrten und Trolley-Touren durch die Innenstadt derzeit häufig ausgebucht. Straßencafes und Boutiquen im noblen Vorort Coconut Grove machen gute Geschäfte, der Ocean Drive im Herzen des Art-deco-Distrikts in South Miami Beach wird allabendlich zum Laufsteg der Eitelkeiten. Die Metropole gibt sich, voller Lust und Dünkel, als würzige Mixtur aus Tropen und Karibik, Europa und Amerika.

Auch ein Anflug von Arroganz ist den Vertretern Miamis nicht fern. Im Visitors & Convention Bureau hält dessen Chef Merrett R. Stierheim dem Gast einen langen Vortrag darüber, daß Touristenmorde zwar verabscheuungswürdig seien. Gleichwohl hätten sich "die Medien" wie Kannibalen über das Opfer Miami hergemacht. Sein Kollege Bruce Singer von der Handelskammer in Miami Beach vergleicht die Gewalt im Süden Floridas mit dem Ausländerhaß im neuen Deutschland. Und im Hochglanzmagazin South Florida schreibt Herausgeber Glenn Albin: "Angesichts der schlechten internationalen Presse sollte unsere offizielle Antwort sein: Hey, diese Stadt hat viele Touristen. Die Verbrechen sind erschreckend, aber ... dies ist kein neuer Holocaust. In South Florida besteht immerhin die Chance, daß das Blut trocknet, nachdem es vergossen wurde."

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Florida zählte 1992 insgesamt 1263 Morde; Miami ist nach FBI-Statistiken eine der gewalttätigsten Städte der USA. Die Chance, als Tourist einem Verbrechen zum Opfer zu fallen, liegt bei eins zu tausend. Aber nirgendwo sonst in Amerika wurden innerhalb von dreizehn Monaten neun ausländische Reisende umgebracht. Wie immer spiegelt die latente Überheblichkeit, mit der Miamis Propagandisten ihre Stadt betrachten, auch ihre Verunsicherung: Touristen bringen Geld, viel Geld. Treibt es sie jetzt an andere Orte?

Letztes Jahr kamen 3,8 Millionen amerikanische und 4,7 Millionen ausländische Besucher in den Großraum Miami. Florida verbuchte insgesamt vierzig Millionen Reisende, jeder sechste kam aus dem Ausland. Trotz Gewalt und schlechter Presse hat es den Anschein, daß selbst nach den Mordtaten 1993 der Strom der Touristen nicht abreißt. Am Ende des Jahres werde man ein leichtes, aber verkraftbares Minus verzeichnen, prognostiziert Stierheim.

Doch vor allem Deutsche und Briten bleiben aus. 1992 machten sich über 400 000 Germanen auf den Weg über den großen Teich nach Florida, drei Viertel von ihnen buchten ihre Hotelzimmer in Miami und Miami Beach. Jetzt wirken die verriegelten Türen und mit Zeitungspapier verklebten Fenster des "Treffpunkt Biergarten" in Sunny Isle wie ein Menetekel. Von Deutschen bevorzugte Bars und Hotels wie das "Traymore" oder das "Ocean Resort" in Miami Beach leiden. Die Buchungen seien um rund sechzig Prozent zurückgegangen, berichtet im "Ocean Resort" Manager Klaus Voss: "Die Dominikanische Republik läßt sich in drei Minuten verkaufen, für Miami reichen heute selbst drei Stunden nicht aus."

Weil die Deutschen gute und zahlungskräftige Kunden sind, schmerzt dies die gesamte Branche. In manchen Hotels gibt es erste Entlassungen. Tourismus ist neben dem internationalen Handel der wichtigste Wirtschaftszweig Floridas. Miami allein nimmt über sieben Milliarden Dollar von seinen Besuchern ein und ist zum größten Kreuzfahrthafen der Welt geworden. 1,7 Millionen Arbeitsplätze hängen im Bundesstaat direkt oder indirekt vom Tourismus ab. Letztes Jahr brachte die Branche einen Umsatz von 31 Milliarden Dollar und für die Regierung in Tallahassee 20 Prozent aller Steuereinnahmen – ein Drittel davon allein aus den Taschen der ausländischen Gäste.

In dieser Abhängigkeit vom Geld und Goodwill seiner Besucher steckt Florida, seitdem es auf den Landkarten des übrigen Amerika und der Welt präsent ist. Noch Ende des 19. Jahrhunderts war der Süden des wie ein Daumen in das türkisfarbene Wasser der Karibik stoßenden Bundesstaates überwiegend Sumpfland, rückständig und fast unbewohnt. Dann überzeugte die heute als Mutter Miamis verehrte Witwe Julia Tuttle den Eisenbahnmagnaten Henry Flagler, seine Linie über West Palm Beach hinaus zu verlängern. Im April 1896 kam der erste Zug. Drei Monate später wurde Miami offiziell gegründet.

Der Eisenbahn folgten Pflanzer, Siedler und sonnenhungrige Touristen aus dem Norden. Sehr schnell, wurden Miami und später Miami Beach zum bevorzugten Winterreiseziel reicher Amerikaner, die sich an der Biscayne Bay (wie heute Madonna und Sylvester Stallone) ihre Villen bauten. Die Stadt wie auch der Staat priesen sich als Ort, an dem Träume Realität werden können. Das Image vom ständigen Sonnenschein, von weißen Stränden und blauem Wasser wurde geboren, Florida als Paradies und Ort der immerwährenden Jugend portraitiert. Alle Naturkatastrophen, Bauskandale, Betrügereien, Banken- und Wirtschaftskräche, kurz, die Realität, konnten dem nichts anhaben: Immer erschien im subtropischen Zipfel Nordamerikas das Leben freier und unbeschwerter als anderswo.

Dabei blieb Florida außerhalb der Enklaven vermögender Touristen lange ein typischer Vertreter der amerikanischen Südstaaten: rassistisch und zurückgeblieben, konservativ und verarmt. "Rohe, ungestrichene Holzhäuser säumen ungepflasterte Straßen; in den Außenbezirken findet man primitive, palmengedeckte Hütten", beschrieb in den vierziger Jahren ein Reisender die Kreisstadt LaBelle bei Orlando. Wachstum kam erst mit Walt Disney, mit den Klimaanlagen – und mit Fidel Castro.

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Niemand hätte 1959 wohl vorausgesagt, daß der bärtige Revolutionär nicht nur die Geschicke Kubas, sondern auch Miamis völlig verändern würde. Aber der Umbruch auf der Zuckerinsel trieb Hunderttausende Kubaner auf das nordamerikanische Festland. "Miami war für uns die Freiheitsstatue", erinnert sich der Werbeunternehmer Leslie Pantín an das Gefühl der Emigranten.

Die Stadt wurde den Kubanern zur zweiten Heimat – und Lateinamerikas Kapitale in den USA. In den achtziger Jahren folgten Castros Flüchtlingen 300 000 Einwanderer aus den anderen Karibikstaaten und aus Südamerika. Heute findet man in Miami Nachbarschaften, deren Bewohner fast nur aus Haiti oder Nicaragua stam-

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men. Und wenn sich im Dade-County-Auditorium zweimal im Monat über tausend Neubürger versammeln, um den Eid auf die amerikanische Verfassung zu schwören, sind oft achtzig verschiedene Nationen vertreten.

Wie sonst nur New York oder Los Angeles ist die Stadt zu einem faszinierenden Durcheinander der Kulturen und Gesichter dieser Welt geworden. Spanisch wird längst nicht mehr nur in Kneipen und Restaurants, sondern auch auf den Vorstandsetagen der Banken und in Investmenthäusern der Brickell-Avenue ("Miamis Wall Street") gesprochen. In Little Haiti grüßt ein Bienvenue an den Häuserwänden die Besucher. Ladenbesitzer an der Flagler Street parlieren Portugiesisch. In Miami Beach ist unterdessen die Zahl der Geschäfte, die koschere Speisen verkaufen, ebenso zurückgegangen wie die der Rentner, Nur noch ein Drittel aller Bewohner in der früheren Pensionärshochburg ist über 65 Jahre alt. Zahllose Yuppies – auch aus Europa – haben sich der pastellfarbenen Häuser im Art-deco-Viertel bemächtigt, das heute wie eine kosmopolitische Wiedergeburt der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre wirkt. Miami Beach stirbt nicht ruhmlos wie eine alte Hure, wie es Wolf Wondratschek noch 1977 schreiben konnte.

Miami ist oft totgesagt worden – und immer wiederauferstanden. Doch Wachstum und Wandel haben ihren Preis. Einerseits fragt die Stadt "nicht nach deinen Eltern, sondern nur danach, was du bist", sagt der kubanische Baumillionär Armando Codina. Andererseits ist sie, so merkt ein europäischer Beobachter an, "mehr Schein als Sein" und habe keine wirklichen Wurzeln. In einer Umfrage des Visitors & Convention Bureau kam heraus, daß viele Bewohner Miamis offenbar ein Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit vermissen. "Diese Stadt sucht nach ihrer Substanz", formuliert es Sonia Del Corral, die Chefin des kubanischen Restaurants "Victor’s Café".

In manchen Gegenden verbinden sich fehlende kulturelle Wurzeln mit Rassismus und ökonomischer Benachteiligung zu einer explosiven Mixtur. An der Ecke der 12. Avenue und der 62. Straße sind die Überreste einer einmal drei Meter hohen Mauer zu sehen, die früher die Wohngebiete der Weißen und der Schwarzen voneinander trennte. Heute heißt dieser Teil Miamis westlich der Interstate 95 Liberty City; für Touristen und Weiße gilt er gemeinhin als zu gefährlich. Mehr als die Hälfte der Einwohner ist arbeitslos. Obwohl hier Zehntausende wohnen, wirken die von Flachbauten und Einfamilienhäusern gesäumten Straßen leblos, leer und öde.

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Das war nicht immer so. Noch vor wenigen Jahrzehnten lebte das schwarze Miami ein paar Meilen südlich in Overton, damals bekannt als das Harlem des Südens. Es gab Geschäfte und Restaurants, Banken und Nachtclubs, Theater und Zeitungen. Muhammad Ali war hier zu Gast, Sidney Poitier wurde in Overton geboren. Dann aber vertrieben die Expansion der Innenstadt und der Bau neuer Autobahnen alteingesessene Bewohner. Heute geht es den Schwarzen Miamis schlechter als den Schwarzen in den meisten anderen Großstädten der USA.

Selten wird der Abstand zwischen Arm und Reich in Amerika so deutlich wie auf den wenigen Kilometern Autofahrt von Coconut Grove nach Liberty City. Auch das soziale Gefüge und das Netz von Werten und Normen verändern sich völlig: Im Slum, sagt Willard Fair, der Chef der Urban League in Miami, "gibt es keinen Respekt für Autorität, ist Aufruhr an der Tagesordnung, gelten Kriminelle als Gleichgestellte, haben Kinder Babys, wachen Jugendliche am Morgen auf, um am Abend zu sterben. Das Slum ist geistig und moralisch bankrott." Fair, bei den Wahlen im Spätherbst der unterlegene schwarze Kandidat für das Bürgermeisteramt in Miami, hat eine Karte anfertigen lassen, auf der mit gelben und grünen Punkten die Wohnorte aller Mörder aus den ersten acht Monaten von 1993 verzeichnet sind. Fast alle Punkte liegen in Stadtteilen wie Liberty City.

Auch die Mörder der deutschen Touristen Barbara Meller-Jensen und Uwe-Wilhelm Rakebrand kamen aus dem Slum. Die Polizei in Miami macht inzwischen Überstunden, um die Streifen im Flughafengelände und auf den Autobahnen zu verstärken. Rastplätze werden bewacht, Fahrzeuglenker auf Waffen kontrolliert, die Touristen erhalten Karten, Informationsmaterial und Sicherheitshinweise. Die nach wie vor schlechte Beschilderung auf den Fernstraßen ist etwas verbessert worden. All dies wird Verbrechen an Miamis Besuchern in Zukunft weniger wahrscheinlich machen. Auszuschließen sind sie aber nicht.

Touristenmorde sind nur die weithin sichtbare Spitze jener Spirale aus Brutalität und Gewalt, die alle amerikanischen Städte erschüttert. In Miami spiegeln sie auch die Konvulsionen einer Millionenstadt, die mit den Konflikten zwischen den Klassen und dem Verfall aller Werte in ihren Urbanen Todeszonen nur schwer fertig wird. "Die Menschen vergessen, was für eine lächerlich junge Stadt wir sind", sagt Willard Fair. "Miami ist eine Stadt, die immer noch dabei ist, sich zu finden."