Florida zählte 1992 insgesamt 1263 Morde; Miami ist nach FBI-Statistiken eine der gewalttätigsten Städte der USA. Die Chance, als Tourist einem Verbrechen zum Opfer zu fallen, liegt bei eins zu tausend. Aber nirgendwo sonst in Amerika wurden innerhalb von dreizehn Monaten neun ausländische Reisende umgebracht. Wie immer spiegelt die latente Überheblichkeit, mit der Miamis Propagandisten ihre Stadt betrachten, auch ihre Verunsicherung: Touristen bringen Geld, viel Geld. Treibt es sie jetzt an andere Orte?

Letztes Jahr kamen 3,8 Millionen amerikanische und 4,7 Millionen ausländische Besucher in den Großraum Miami. Florida verbuchte insgesamt vierzig Millionen Reisende, jeder sechste kam aus dem Ausland. Trotz Gewalt und schlechter Presse hat es den Anschein, daß selbst nach den Mordtaten 1993 der Strom der Touristen nicht abreißt. Am Ende des Jahres werde man ein leichtes, aber verkraftbares Minus verzeichnen, prognostiziert Stierheim.

Doch vor allem Deutsche und Briten bleiben aus. 1992 machten sich über 400 000 Germanen auf den Weg über den großen Teich nach Florida, drei Viertel von ihnen buchten ihre Hotelzimmer in Miami und Miami Beach. Jetzt wirken die verriegelten Türen und mit Zeitungspapier verklebten Fenster des "Treffpunkt Biergarten" in Sunny Isle wie ein Menetekel. Von Deutschen bevorzugte Bars und Hotels wie das "Traymore" oder das "Ocean Resort" in Miami Beach leiden. Die Buchungen seien um rund sechzig Prozent zurückgegangen, berichtet im "Ocean Resort" Manager Klaus Voss: "Die Dominikanische Republik läßt sich in drei Minuten verkaufen, für Miami reichen heute selbst drei Stunden nicht aus."

Weil die Deutschen gute und zahlungskräftige Kunden sind, schmerzt dies die gesamte Branche. In manchen Hotels gibt es erste Entlassungen. Tourismus ist neben dem internationalen Handel der wichtigste Wirtschaftszweig Floridas. Miami allein nimmt über sieben Milliarden Dollar von seinen Besuchern ein und ist zum größten Kreuzfahrthafen der Welt geworden. 1,7 Millionen Arbeitsplätze hängen im Bundesstaat direkt oder indirekt vom Tourismus ab. Letztes Jahr brachte die Branche einen Umsatz von 31 Milliarden Dollar und für die Regierung in Tallahassee 20 Prozent aller Steuereinnahmen – ein Drittel davon allein aus den Taschen der ausländischen Gäste.

In dieser Abhängigkeit vom Geld und Goodwill seiner Besucher steckt Florida, seitdem es auf den Landkarten des übrigen Amerika und der Welt präsent ist. Noch Ende des 19. Jahrhunderts war der Süden des wie ein Daumen in das türkisfarbene Wasser der Karibik stoßenden Bundesstaates überwiegend Sumpfland, rückständig und fast unbewohnt. Dann überzeugte die heute als Mutter Miamis verehrte Witwe Julia Tuttle den Eisenbahnmagnaten Henry Flagler, seine Linie über West Palm Beach hinaus zu verlängern. Im April 1896 kam der erste Zug. Drei Monate später wurde Miami offiziell gegründet.

Der Eisenbahn folgten Pflanzer, Siedler und sonnenhungrige Touristen aus dem Norden. Sehr schnell, wurden Miami und später Miami Beach zum bevorzugten Winterreiseziel reicher Amerikaner, die sich an der Biscayne Bay (wie heute Madonna und Sylvester Stallone) ihre Villen bauten. Die Stadt wie auch der Staat priesen sich als Ort, an dem Träume Realität werden können. Das Image vom ständigen Sonnenschein, von weißen Stränden und blauem Wasser wurde geboren, Florida als Paradies und Ort der immerwährenden Jugend portraitiert. Alle Naturkatastrophen, Bauskandale, Betrügereien, Banken- und Wirtschaftskräche, kurz, die Realität, konnten dem nichts anhaben: Immer erschien im subtropischen Zipfel Nordamerikas das Leben freier und unbeschwerter als anderswo.

Dabei blieb Florida außerhalb der Enklaven vermögender Touristen lange ein typischer Vertreter der amerikanischen Südstaaten: rassistisch und zurückgeblieben, konservativ und verarmt. "Rohe, ungestrichene Holzhäuser säumen ungepflasterte Straßen; in den Außenbezirken findet man primitive, palmengedeckte Hütten", beschrieb in den vierziger Jahren ein Reisender die Kreisstadt LaBelle bei Orlando. Wachstum kam erst mit Walt Disney, mit den Klimaanlagen – und mit Fidel Castro.