Niemand hätte 1959 wohl vorausgesagt, daß der bärtige Revolutionär nicht nur die Geschicke Kubas, sondern auch Miamis völlig verändern würde. Aber der Umbruch auf der Zuckerinsel trieb Hunderttausende Kubaner auf das nordamerikanische Festland. "Miami war für uns die Freiheitsstatue", erinnert sich der Werbeunternehmer Leslie Pantín an das Gefühl der Emigranten.

Die Stadt wurde den Kubanern zur zweiten Heimat – und Lateinamerikas Kapitale in den USA. In den achtziger Jahren folgten Castros Flüchtlingen 300 000 Einwanderer aus den anderen Karibikstaaten und aus Südamerika. Heute findet man in Miami Nachbarschaften, deren Bewohner fast nur aus Haiti oder Nicaragua stam-

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men. Und wenn sich im Dade-County-Auditorium zweimal im Monat über tausend Neubürger versammeln, um den Eid auf die amerikanische Verfassung zu schwören, sind oft achtzig verschiedene Nationen vertreten.

Wie sonst nur New York oder Los Angeles ist die Stadt zu einem faszinierenden Durcheinander der Kulturen und Gesichter dieser Welt geworden. Spanisch wird längst nicht mehr nur in Kneipen und Restaurants, sondern auch auf den Vorstandsetagen der Banken und in Investmenthäusern der Brickell-Avenue ("Miamis Wall Street") gesprochen. In Little Haiti grüßt ein Bienvenue an den Häuserwänden die Besucher. Ladenbesitzer an der Flagler Street parlieren Portugiesisch. In Miami Beach ist unterdessen die Zahl der Geschäfte, die koschere Speisen verkaufen, ebenso zurückgegangen wie die der Rentner, Nur noch ein Drittel aller Bewohner in der früheren Pensionärshochburg ist über 65 Jahre alt. Zahllose Yuppies – auch aus Europa – haben sich der pastellfarbenen Häuser im Art-deco-Viertel bemächtigt, das heute wie eine kosmopolitische Wiedergeburt der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre wirkt. Miami Beach stirbt nicht ruhmlos wie eine alte Hure, wie es Wolf Wondratschek noch 1977 schreiben konnte.

Miami ist oft totgesagt worden – und immer wiederauferstanden. Doch Wachstum und Wandel haben ihren Preis. Einerseits fragt die Stadt "nicht nach deinen Eltern, sondern nur danach, was du bist", sagt der kubanische Baumillionär Armando Codina. Andererseits ist sie, so merkt ein europäischer Beobachter an, "mehr Schein als Sein" und habe keine wirklichen Wurzeln. In einer Umfrage des Visitors & Convention Bureau kam heraus, daß viele Bewohner Miamis offenbar ein Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit vermissen. "Diese Stadt sucht nach ihrer Substanz", formuliert es Sonia Del Corral, die Chefin des kubanischen Restaurants "Victor’s Café".

In manchen Gegenden verbinden sich fehlende kulturelle Wurzeln mit Rassismus und ökonomischer Benachteiligung zu einer explosiven Mixtur. An der Ecke der 12. Avenue und der 62. Straße sind die Überreste einer einmal drei Meter hohen Mauer zu sehen, die früher die Wohngebiete der Weißen und der Schwarzen voneinander trennte. Heute heißt dieser Teil Miamis westlich der Interstate 95 Liberty City; für Touristen und Weiße gilt er gemeinhin als zu gefährlich. Mehr als die Hälfte der Einwohner ist arbeitslos. Obwohl hier Zehntausende wohnen, wirken die von Flachbauten und Einfamilienhäusern gesäumten Straßen leblos, leer und öde.