Das war nicht immer so. Noch vor wenigen Jahrzehnten lebte das schwarze Miami ein paar Meilen südlich in Overton, damals bekannt als das Harlem des Südens. Es gab Geschäfte und Restaurants, Banken und Nachtclubs, Theater und Zeitungen. Muhammad Ali war hier zu Gast, Sidney Poitier wurde in Overton geboren. Dann aber vertrieben die Expansion der Innenstadt und der Bau neuer Autobahnen alteingesessene Bewohner. Heute geht es den Schwarzen Miamis schlechter als den Schwarzen in den meisten anderen Großstädten der USA.

Selten wird der Abstand zwischen Arm und Reich in Amerika so deutlich wie auf den wenigen Kilometern Autofahrt von Coconut Grove nach Liberty City. Auch das soziale Gefüge und das Netz von Werten und Normen verändern sich völlig: Im Slum, sagt Willard Fair, der Chef der Urban League in Miami, "gibt es keinen Respekt für Autorität, ist Aufruhr an der Tagesordnung, gelten Kriminelle als Gleichgestellte, haben Kinder Babys, wachen Jugendliche am Morgen auf, um am Abend zu sterben. Das Slum ist geistig und moralisch bankrott." Fair, bei den Wahlen im Spätherbst der unterlegene schwarze Kandidat für das Bürgermeisteramt in Miami, hat eine Karte anfertigen lassen, auf der mit gelben und grünen Punkten die Wohnorte aller Mörder aus den ersten acht Monaten von 1993 verzeichnet sind. Fast alle Punkte liegen in Stadtteilen wie Liberty City.

Auch die Mörder der deutschen Touristen Barbara Meller-Jensen und Uwe-Wilhelm Rakebrand kamen aus dem Slum. Die Polizei in Miami macht inzwischen Überstunden, um die Streifen im Flughafengelände und auf den Autobahnen zu verstärken. Rastplätze werden bewacht, Fahrzeuglenker auf Waffen kontrolliert, die Touristen erhalten Karten, Informationsmaterial und Sicherheitshinweise. Die nach wie vor schlechte Beschilderung auf den Fernstraßen ist etwas verbessert worden. All dies wird Verbrechen an Miamis Besuchern in Zukunft weniger wahrscheinlich machen. Auszuschließen sind sie aber nicht.

Touristenmorde sind nur die weithin sichtbare Spitze jener Spirale aus Brutalität und Gewalt, die alle amerikanischen Städte erschüttert. In Miami spiegeln sie auch die Konvulsionen einer Millionenstadt, die mit den Konflikten zwischen den Klassen und dem Verfall aller Werte in ihren Urbanen Todeszonen nur schwer fertig wird. "Die Menschen vergessen, was für eine lächerlich junge Stadt wir sind", sagt Willard Fair. "Miami ist eine Stadt, die immer noch dabei ist, sich zu finden."