Von Hansjakob Stehle

Ob es mehr als ein politisches Ritual ist, wenn sich Gegner über Gräbern die Hände reichen, wird sich jetzt in Ungarn erweisen müssen. Der Tod des 61jährigen Ministerpräsidenten Jószef Antall, des ersten nichtkommunistischen Regierungschefs nach der Wende vor dreieinhalb Jahren, kam nicht unerwartet. Sein langes Krebsleiden war vom langsamen Niedergang seiner Partei, des Demokratischen Forums (MDF), begleitet. Aber die Leere, die Antall in der konservativen Mitte hinterläßt, ist kein echtes Vakuum. Sie besteht vor allem aus Verlegenheiten der linksliberalen wie rechtsnationalen Kräfte, die ohnehin im Vorrücken sind, jedoch den eigenen populistischen Parolen nicht trauen.

Antall war kein Volkstribun. Nüchtern, gradlinig, manchmal beunruhigend ruhig, führte er Ungarn durch die erste, schwierigste Periode des Übergangs zu jenem "Gulasch-Kapitalismus", dem – wie dem "Gulasch-Kommunismus" – so manches Trügerische anhaftet, der aber das Land auch heute besser dastehen läßt als die meisten "Erben" des Ostblocks. Als Sohn eines nationalistischen Politikers (der jedoch in der Horthy-Ära Juden retten half) und als Historiker war sich Antall stets des Zeitbedingten aller Politik, auch ihrer "Krankheiten", bewußt. Vor Emotionen und "persönlichen Ambitionen, die das Land schnell in eine falsche Richtung bringen können", warnte er in seiner ersten Regierungserklärung Ende Mai 1990. Er zitierte allerdings auch eine selbstbewußte Anekdote von Ferenc Deak, einem nationalliberalen Reformpolitiker des 19. Jahrhunderts: Wenn ein nervös gewordener Reisender dem Kutscher nicht in die Zügel falle, könne man sich "vielleicht retten", doch wenn er sie ihm entreiße, sei man "sicher veloren".

Die Zügel ließ Antall zwar auch auf dem Krankenbett nicht aus der Hand, doch manches ist ihm an allzu langer Leine entglitten. Zu spät zog er den Trennungsstrich zu seinem rechtsradikalen Gefolgsmann Istvan Csurka, dessen Hirngespinste auch im Kopf jenes Innenministers Peter Boross zu nisten scheinen, der jetzt für Antalls Nachfolge kandidiert. Er wollte den allzu liberalen Massenmedien "gesunde ungarische Landkinder" verordnen; Radio und Fernsehen wurden so auf Regierungslinie getrimmt, daß 31 namhafte Autoren ihre weitere Mitarbeit verweigern und der liberale Staatspräsident Arpäd Göncz gegen diese "Gefährdung der Demokratie" bei Antall protestierte.

Göncz, der "lieber Opa als Landesvater" ist, muß nun all seine Weisheit aufbieten, um neue Brücken zu schlagen. Ob sich eine Übergangskoalition bis zu den Neuwahlen im Frühjahr konstruieren läßt, ist fraglich; die vorzeitige Parlamentsauflösung wird unvermeidbar, wenn sich in vierzig Tagen für einen Nachfolger Antalls keine Mehrheit finden ließe. Und diese wäre ohnehin nicht mehr "echt", weil nach letzten Meinungsumfragen Antalls MDF-Partei kaum noch ein Zehntel der Wähler hinter sich hat; ihre Partner, Kleinlandwirte und Christdemokraten, verschwinden fast. Hingegen sammelt sich je fast ein Viertel der Wähler im Lager der Jungliberalen (FIDESZ) und der Exkommunisten, der Partei jenes Gyula Horn, der als Grenzöffner den Aachener Karlspreis erhalten hat.

Klärung durch Verwirrung? "Ungarn neigen zu Verbitterung und Pessimismus", sagte Antall einmal. Aber von jenem Ferenc Deak, den er 1990 zitierte, stammt auch ein Revolutionsruf von 1848: Aus Gegnern müsse man Freunde machen, "Hand in Hand zum Ziel, denn wenn wir uns zerstreiten, ruinieren wir uns selbst – ohne äußeren Feind".