Von Ursula Bode

Kölner Advent. Dunkel ist es im Dom. Kirchendiener in wehenden Mänteln, in der Seitenkapelle der verschlossene Dreikönigsaltar und auf dessen Alltagsseite Maria und der Engel, eine monumentale Verkündigungsszene im überirdischen Licht eines gemalten Vorhangs aus Goldbrokat. Solche Bilder müsse man "als himmlische Conversationen, als reine Erscheinungen zur Meditation annehmen", hatte einmal der Kanonikus Wallraf geraten. Das war 1816. Die heutige Wirklichkeit setzt spiritueller Vergangenheit das wenig verheißende Stilleben klobig-modernen Kirchenmobiliars und dürftiger Blumen entgegen. Ein paar Meter weiter Kunststoffplanen und rot-weiße Absperrungsstrippen. Im Dom wird gebaut. Neu ist das nicht.

Auch Johanna Schopenhauer geriet in eine Baustelle, als sie 1828 kam, um den Altar "in goldiger Pracht, in unverwüstlichem Farbenglanz" zu sehen. Das "älteste wirkliche Meisterwerk der altdeutschen Schule" strahlte von seiner Festtagsseite: Maria mit dem Kinde, von den Heiligen Königen umgeben, flankiert von den Stadtpatronen St. Ursula und St. Gereon mit ihrem Gefolge. Meister Stefan hieße der Maler des vielgepriesenen Dombildes, wußte die Reiseschriftstellerin zu berichten, und damit befand sie sich auf der Höhe damaliger Kunstgelehrsamkeit: Gerade war man auf den Spuren Albrecht Dürers und seines Tagebuchs der niederländischen Reise wieder auf den Namen des Malers gekommen. Der durchreisende Nürnberger Künstler hatte im Oktober 1520 vermerkt, er habe sich für ein paar Groschen die Kölner Ratskapelle aufschließen lassen, um dort den Altar des Meisters Stefan zu bewundern.

Vor dem heutigen Dombild beteten die Ratsherren der freien Stadt, bevor sie an die Arbeit gingen. Und der von ihnen in Auftrag gegebene Schrein war als Monument der Bürger gegenüber dem Domkapitel auch ein Politikum. Daß er um 1810 in den Wirren der Säkularisation in den Schutz der Kathedrale geriet, ist eine Ironie der Geschichte.

Wie immer der Ehrenmann geheißen habe, notierte Frau Schopenhauer, "er hat sich die Unsterblichkeit ermalt". Um dies zu spüren, brauche man nur gute Augen und einen für Kunst und Natur empfindlichen Sinn. Wie allerdings dieser unvergängliche Glanz entstanden sei, das werde "wol ewig ein nie zu lösendes Rätsel uns bleiben". Nun wird wieder einmal am Rätsel gearbeitet, und daß der Maler längst über einen vollen Namen verfügt, macht ihn nicht minder geheimnisvoll.

Während des Künstlers Hauptwerk, der Schrein der Stadtpatrone, unverrückbar im Dom leuchtet und seine "Veilchenmadonna" still im Diözesanmuseum verharrt, feiert das Wallraf-Richartz-Museum deren Schöpfer: Um ein Dutzend Werke des Malers der lieblichen Marien fügen sich weitere hundert Altartafeln, Andachtsbilder, Zeichnungen, Textilarbeiten, Handschriften, Buchmalereien und Archivalien zu einem Panorama mitteleuropäischer Kunst des 15. Jahrhunderts.

"Stefan Lochner, Meister zu Köln" ist ein wundersames Ereignis, konzentriert, funkelnd und beredt. Das weltentrückte Fest spätmittelalterlicher Kunst vertraut auf den Zauber der alten Bilderpredigten und teilt über den schönen Schein hinaus, allein durch aufschlußreiche Bild-Konfrontationen und kluge Hängung, vieles über Lochner, den einzigen namentlich bekannten Kölner Meister, und seine Zeit mit. Vom Leben ist wenig bekannt: Jüngsten Aktenfunden zufolge wurde der Maler um 1400 in Hagnau bei Meersburg geboren. In Kölner Urkunden wird er von 1442 an erwähnt – mit Ratsaufträgen, als Kreditnehmer und Hauskäufer, schließlich als Ratsherr. Um Weihnachten 1451 verzeichnet die Senatorenliste "Steffain Loechner" mit einem Kreuz.