Das schrille Pfeifen des Geschosses hörte er noch. "Granaten stoben wie Sternschnuppenfall", hieß das dann in einem Nachruf – es war die Zeit, in der noch das Grauen durch Pathos zum ekstatischen Lebensgenuß veredelt wurde. Ob der Flüchtende, von feindlicher Artillerie gehetzt, an seinen eigenen Hymnus auf das Leben in den Metaphern des Krieges dachte? "Und herrlichste Musik der Erde hieß uns Kugelregen", hatte er geschrieben, vor Kriegsbeginn. Der Sprung in die Deckung eines Hausflurs jedenfalls kam zu spät. Granatsplitter trennen ihm einen Arm ab und reißen ihm den Schädel auf. Am 30. Oktober 1914, kurz nach 10.30 Uhr, stirbt in Zandvoorde, Flandern, der Leutnant der Reserve Ernst Maria Richard Stadler. Der Dichter Ernst Stadler.

Vielleicht würden uns am Abend Siegesmärsche umstreichen,

Vielleicht lägen wir irgendwo ausgestreckt als Leichen.

Aber vor dem Erraffen und vor dem Versinken Würden unsre Augen sich an Welt und Sonne satt und glühend trinken.

Daß sein waffenklirrendes Gedicht "Der Aufbruch" von 1913 nur wenige Monate später Wirklichkeit würde, hatte Stadler kaum geahnt, geschweige denn erhofft. Ein Krieg zwischen Deutschland, Frankreich und England – das war die Zertrümmerung seiner, einer europäischen Existenz. Eine Ausstellung der Hamburger Universitätsbibliothek fügt die Trümmer noch einmal zu einem Ganzen und zeigt einen überzeugten Elsässer jenseits regionaler Engstirnigkeit oder gar nationaler Borniertheit.

Zusammengestellt hat die Dokumente Nina Schneider, die Witwe des Germanisten Karl Ludwig Schneider, der nach dem Zweiten Weltkrieg als erster mit Stadlers, aber auch Heyms und Trakls Werk bekannt machte. Die erste "Wiederentdeckung" vor vierzig Jahren, die zweite jetzt – zur rechten Zeit. Was heute Verträge festschreiben wollen, haben Stadler und seine Freunde zu Beginn des Jahrhunderts bereits verwirklicht: ein geistiges Europa. Im Zentrum nationalchauvinistischer Streitereien, im "Reichsland Elsaß-Lothringen", schrieb und lehrte Stadler gegen die Barrieren im Kopf an, mit dem ganzen Pathos seiner Generation. Wenn der revolutionäre Gestus seiner Texte auch fremd sein mag, sein Traum einer grenzenlosen Kultur ist aktuell.

1883 wurde Stadler in Colmar geboren; die Eltern waren "Altdeutsche" aus dem Reich. Er studierte in Straßburg und wurde mit einer Arbeit über Wolframs "Parzival" promoviert. Da hatte er bereits den französischen Symbolisten Henri de Regnier übersetzt und eigene Verse an Stefan George geschickt. Zeitlebens war Stadler Mittler zwischen drei Kulturen: Privatdozent für deutsche Literatur in Straßburg und Brüssel, Habilitation über Wielands Shakespeare-Übersetzungen, Berufung nach Toronto. Zwei Jahre Rhodes-Stipendiat in Oxford, eine Förderung für den Pazifisten Stadler: "Der Gedanke ist, daß Verständigung zwischen den drei großen Mächten einen Krieg unmöglich machen werde", schrieb der Geldgeber Cecil Rhodes in seinem Testament. Der deutsche Offizier Ernst Stadler fiel in Frankreich, von einer englischen Granate zerrissen.